Hans-Peter Dieckmann

Schriften Hans- Peter Dieckmanns bei den Egoisten

Inhalt:

1. Zu Scaligeros „Die Politik als Maya“
2. Zu Ralf Sonnenbergs Artikel “Vergangenheit, die nicht vergehen will“
3. Der Zypressenbaum im Hof
4. Erkenntnis und Selbstbestimmung
5. Melodie und Stille
6. Das reine Denken
7. Der Integrale Yoga von Sri Aurobindo


1. Hans-Peter Dieckmann: Zu Scaligeros „Die Politik als Maya“

Zur Veröffentlichung der Übersetzung des Kapitels “Die Politik als Maya“ aus Massimo Scaligeros 1972 erschienenen Autobiographie “Vom Yoga zum Rosenkreuz“


Auf Anregung von Georg Kühlewind und dem Übersetzer einiger Bücher von Scaligero ins Deutsche*, Georg Friedrich Schulz, war ich während der ersten Hälfte der 90er Jahr des vergangenen Jahrhunderts zu einem begeisterten Leser der meditativen Texte von Scaligero geworden. Ich verdanke ihnen wertvolle Anregungen für meine meditative Praxis, was aus einigen Beiträgen von Michael Eggert über diesen wichtigsten Aspekt seiner Nachkriegsarbeiten meines Erachtens gut nachvollziehbar ist. 1994 führte meine Beschäftigung mit Scaligeros Büchern zu einem Arbeitskreis zu seinem “Traktat über das lebende Denken“, den ich zusammen mit einem anderen Leser von Scaligero gründete.

Wie mein Mitbegründer hatte ich der dem “Traktat über das lebende Denken“ beigefügten biographischen Skizze vertraut, die auf Scaligeros Tätigkeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung von 1932 bis 1944 hinweist, ihn aber vom Faschismus frei spricht. Scaligero habe als Journalist vor allem im Feuilleton einiger der wichtigsten Zeitungen dieser Periode geschrieben und dabei versucht, den kulturellen Diskurs auf ein höheres Niveau zu heben. Nach seiner Verhaftung im Juni 1944 durch die Alliierten musste Scaligero zwar sechs Monate im Gefängnis verbringen, doch „aller Verdächtigungen enthoben und mit den Entschuldigungen seiner Untersuchungsrichter“, heißt es in der autobiographischen Skizze, wurde er danach wieder entlassen. Erst im Zuge der immer stärker gewordenen öffentlichen Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner und durch meine kritischen Auseinandersetzungen mit einigen anthroposophischen Revisionisten, kam ich auf Scaligeros Biographie mit einer Frage zurück, die ich – aus meiner heutige Sicht – besser schon beim ersten Lesen der biographischen Skizze gestellt hätte: Wie hat Scaligero es als Journalist nur fertig gebracht, sich nicht pro-faschistisch zu äußern? Über einen Bekannten meines Arbeitskreis-Mitbegründers ergab sich in dieser Zeit die Gelegenheit, dessen Freund in Italien, der als Scaligero-Experte ausgegeben wurde, zu Scaligeros Haltung zum Faschismus zu fragen. Diesem Freund liegen schließlich viel mehr Quellen als mir zu Scaligero offen, die er obendrein im Original lesen kann, sagte ich mir damals. Aber als Antwort kam nur der Vorwurf, ich wolle Scaligero Faschismus unterstellen, um dieses angebliche Anliegen pauschal zurückzuweisen. Tatsächlich wäre ich über einen belegten Nachweis für die Richtigkeit dieser Zurückweisung froh gewesen.

Um zumindest an Scaligeros Selbstaussagen über seine Zeit als Chefredakteur einer faschistischen Zeitung heranzukommen, besorgte ich mir über ein Antiquariat in Rom seine Autobiographie und ließ daraus das Kapitel “Die Politik als Maya“ übersetzen. Ich war überrascht und beruhigt, ja erfreut: Scaligero hatte also im Rahmen seiner Möglichkeiten, als der Rassenwahn in Italien ausbrach (das Wort “Rassenwahn“ stammt von ihm), nicht nur versucht, sich gegen diesen Rassenwahn einzusetzen, sondern er hatte sogar als spiritueller Berater im Geist von Rudolf Steiners Dreigliederung einen Versuch begleitet, das faschistische Regime zu stürzen. Ich wunderte mich, dass der Scaligero-Experte darauf nicht hingewiesen hatte, ließ weitere Nachforschungen beiseite und nahm mir vor, bei Faschismus-Vorwürfen gegen Scaligero auf dessen Autobiographie zu verweisen.

Erst als Peter Staudenmaier laut einem Beitrag zu dieser Website doch rassistische Äußerungen in Scaligero-Artikeln der faschistischen Ära festgestellt haben wollte, begann ich erneut und nun gründlicher Internet-Recherchen anzustellen. Ich stieß dabei schnell auf Staudenmaiers Mails zum Thema und kann ihm nur zustimmen: die ausführlichen Zitate sind schlimme Beispiele für Scaligeros damaligen Rassismus, besonders für seine krasse antijüdische Haltung. Staudenmaiers neueste Veröffentlichung belegt das zusätzlich, weshalb ich heute noch weniger als zuvor glaube, dass sich die rassistischen Zitate im Zusammenhang der ganzen Artikel gelesen, wesentlich (wenn überhaupt) entschärfen lassen. Das war die Hoffnung einiger Freunde des meditativen Werkes von Scaligero, mit denen ich über Staudenmaiers Enthüllungen gesprochen und diskutiert habe.

Wenn ich Scaligeros “Die Politik als Maya“ in Beziehung zu seinen faschistischen Äußerungen setze, komme ich leider nicht umhin, ihn in der Nähe von Friedrich Benesch zu sehen – und das bedeutet für mich einen grundlegenden Wandel bei der Lektüre seiner Meditationstexte. Ja, sie sind großartig formuliert (im Deutschen steckt darin auch die Übersetzerleistung von Georg Friedrich Schulz), klar und für sich genommen rein und voll von anregenden Einsichten - doch durch den Autor nicht voll abgedeckt, der seinen hohen Anspruch an Selbsterkenntnis eben nicht erfüllte. Diese Differenz kann und will ich nicht verleugnen und lese deshalb Scaligeros Meditationstexte nicht mehr gerne.
Trotzdem schreibe ich hier: Ohne Scaligeros Schwächen zu verkennen, lassen sich seine Stärken als meditativer Autor schätzen, um von ihnen für das eigene Meditieren zu profitieren.

In Scaligeros Buch “Das Licht“ (das Original ist 1964 erschienen) fand ich in dem Kapitel “Die Schwelle“ eine Passage zur Rassenfrage, die ich noch anfügen möchte:
“Immer, wenn sich der Mensch in seinem Verhalten auf seine Rassen- oder Familienzugehörigkeit beruft, sind es eigentlich diese Usurpatoren (welche nach dem Autor die rassischen Tiefenkräfte und ihr Verhältnis zu ihnen verderben, H-P.D.), die ihn bewegen. Die rassischen und ethnischen Gruppierungen werden impulsiert, sich untereinander zu hassen bzw. sich durch eine untere Anziehung miteinander zu verbinden. Wo immer sich eine Gruppierung bildet, ohne dass sie im Sinne des Geistes tätig zu werden sucht, gehorchen die Menschen einer Anziehungskraft, deren Vereinigungsmoment der Hass ist, der sich gegen andere Gruppierungen richtet.“
Zur Lösung weist Scaligero letztlich auf die Freiheitsfähigkeit jedes einzelnen Menschen und seine Verbindungsmöglichkeit zum Logos (bzw. Christus) hin.
Was wäre doch gewonnen gewesen, wenn er seinen Weg zu solchen Äußerungen in offenen und selbstkritischen Auseinandersetzungen mit seinem früheren Rassismus dargelegt hätte!

Hans-Peter Dieckmann
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* Die fünf Bücher von Scaligero in deutscher Übersetzung sind:

Traktat über das lebende Denken, Urachhaus
Die Logik als Widersacher des Menschen, Urachhaus
Raum und Zeit, Edition Tertium
Das Licht, Edition Tertium
Traktat über die unsterbliche Liebe, Edition Tertium

2. Hans-Peter Dieckmann:  Zu Ralf Sonnenbergs Artikel “Vergangenheit, die nicht vergehen will“


Ralf Sonnenbergs Artikel ist schon eine Herausforderung für viele Anthroposophen! Das wurde schnell an den Kommentaren auf dieser Website (nicht mehr verfügbar, M.E.) zu ihm deutlich, die von heftiger Kritik bis zu einer Reihe von erfreuten Reaktionen reichen, nach denen es endlich einmal jemand wagt, die Problematik von Rudolf Steiners Rassenlehre ungeschminkt anzusprechen, ohne dabei den differenzierten Blick auf sie und die Anthroposophie mit ihrem Initiator zu verlieren. Natürlich spielen in die Kommentare viele Erfahrungen mit den seit Jahren erhobenen Rassismusvorwürfen gegen die Anthroposophie und den Umgang von Anthroposophen mit ihnen und der Rassenlehre Rudolf Steiners hinein. Die konstruktiven Kommentare zu Ralf Sonnenbergs Artikel münden in die Frage: Wie können wir die Anthroposophie weiterentwickeln?

Es gibt ja nun einmal eine Reihe von problematischen Äußerungen Rudolf Steiners zu Rassenfrage, neben oder besser zusammen mit den vielen seiner Hauptlinie zu ihr, an die man meines Erachtens gut zur Weiterentwicklung anknüpfen kann: die Betonung der heutigen Vorrangstellung der Kulturen vor den Rassen bis hin zur sachlich prophezeiten (und von ihm gewünschten und geförderten) völligen Bedeutungslosigkeit der Rassenzugehörigkeit, an deren Stelle dann ganz die Individualität treten wird. Doch was hindert uns Anthroposophen daran, die problematischen Äußerungen Rudolf Steiners zu modifizieren, oder wenn das nicht möglich ist, sie “über Bord“ zu werfen? Es wurden in den Kommentaren schon mehrere Antworten angedeutet, die ins Positive gewendet alle zu einer Verstärkung der Erkenntnishaltung raten. Die Verstärkung der Erkenntnishaltung ist aber das Anliegen des anthroposophischen Schulungsweges (die “Philosophie der Freiheit“ eingeschlossen), aus dem nicht nur mehr Vorurteilslosigkeit, meditative Vertiefung und Verantwortungsbewusstsein erwachsen, sondern auch mehr Eigenständigkeit gegenüber Rudolf Steiner. Ich will damit sagen: in der Anthroposophie selbst liegen Möglichkeiten, ihren jeweils erreichten Stand weiter zu bringen, auch den der Erkenntnismethoden, wobei zu den Erkenntnismethoden ein sauberes “materielles Erkennen“ (siehe zu ihm Ralf Sonnenbergs Artikel) gehört. Was in den Horizont der materiellen Erkenntnis fällt, kann schon mal nicht abgerundete hellseherische Erkenntnisse ergänzen, Irrtümer von Hellsehern korrigieren und darauf hinweisen, wo sicher oder eventuell Vermischungen von Ergebnissen aus dem Hellsehen mit gewöhnlichen eigenen Meinungen und/oder Zeit bedingten Äußerungen vorliegen. Umgekehrt kann die materielle Forschung von hellseherischen Anregungen ungemein profitieren. Für aller Erkenntnisarten ist aber klar: selbst die besten Erkenntnismöglichkeiten werden von uns Menschen nicht immer voll erfüllt, egal auf welcher Ebene, auch von Eingeweihten nicht und sei es, weil sie nicht 24 Stunden am Tag Eingeweihte sind, wie Rudolf Steiner mal über sich selbst angemerkt hat. Gerade deshalb halte ich eine Erkenntniskultur für wichtig, in der man sich gegenseitig berichtigt und anregt.

Zur Weiterentwicklung von Rudolf Steiners Evolutionsbegriff*: Zu der bei ihm vor allem als progressive Stufenfolge dargestellten Evolution Richtung Individualität und offene Gesellschaftsformen, die der Individuation die notwendigen Freiräume geben, sollte man auch nach meiner Überzeugung stärker den Wert alter meistens außereuropäischer Kulturen betonen, zum Beispiel weil man 1. an ihnen für die egoistischen und materialistischen Abgleitungen in offenen Gesellschaften (auch außerhalb Europas und Amerikas) aufwachen kann, 2. weil sich bis heute aus alten spirituellen Kulturen gegenwartsrelevante Anregungen für Europäer und Amerikaner beziehen lassen, die allerdings deren Gegenwart angepasst werden müssen und 3. weil es in den alten spirituellen Kulturen durchaus fruchtbare neue Entwicklungen mit vielen Impulsen aus ihren eigenen Voraussetzungen gibt, in Asien etwa bei Sri Aurobindo und Mahatma Gandhi. In was für Abgründe eine traditionelle Haltung führen kann, welche die Evolution Richtung Individualität und offene Gesellschaften nicht würdigt, zeigt sich an Julius Evola.


* Zur Erweiterung des Evolutionsbegriffs von Rudolf Steiner und zur Auseinandersetzung mit seinen Ausführungen zur Rassenfrage siehe auch das Frankfurter Memorandum der Info3.


3. Hans-Peter Dieckmann: Der Zypressenbaum im Hof


“Der Zypressenbaum im Hof“ ist ein Meditationssatz von Georg Kühlewind. Ich kann mir den Baum als blaue Säulenzypresse vorstellen, aber auch grün oder gold-gelb, um mich dann auf meine Vorstellung zu konzentrieren, mit der ich die blaue Säulenzypresse mitten in einen Hof voller Sonnenlicht stelle, der von weiß getünchten Häusern begrenzt wird. Ich kann, also habe ich die Wahl, auch in Bezug auf die Gestaltung des Hofes. Mir fallen meine Gestaltungsmöglichkeiten auf, doch schnell richte ich meinen Fokus wieder auf das Thema, wobei aber mitschwingt, dass es meine Gestaltungsmöglichkeiten auch begrenzt. Es geht schließlich um einen Zypressenbaum im Hof, nicht um eine Birke auf freiem Feld. Beim Denkblick auf meine Zypressen- und Hofwahl beginnt mir etwas von deren Urbildern durchzuschimmern, die sich verschieden konkretisieren lassen. Nur warum habe ich mich für eine blaue Säulenzypresse und diesen mediterranen Hof entschieden? Eindeutig weil ich sie besonders liebe, fällt mir jetzt auf. Dabei bin ich mir nun auch bewusst, dass ich im Hintergrund Antipathiegebärden vollzogen habe, denn meine Wahl war eine Bevorzugung. Je mehr ich mich wieder von mir fort und in Richtung Urbildersphäre bewege, desto stärker verwandeln sich meine Ablehnungen in reine Möglichkeiten, für die ich mich genauso gut entscheiden könnte. Ich bin eben nicht mehr der Vorstellende vom Beginn meiner Übung, mit dem Durchschimmern des Urbildhaften des Meditationsthemas habe ich zugleich für mich mehr Freiraum gewonnen.

Soll ich mich auf den Weg in die Urbildsphäre aller Zypressen begeben: vom Abbild über seine Umbildungen mit ihrem Inbild und schließlich zum Urbild pur? Meine erste Vorstellung einer Zypresse war ein Abbild ihres Urbildes. Zu dem Abbild hatte ich schon verschiedene Umbildungen angedacht, wobei ich mich am mitgedachten Inbild aller Zypressen orientierte, das eigentlich schon ihr Urbild ist, aber noch von allen Zypressenformen losgelöst erfahren werden kann.

Ich entscheide mich anders und konzentriere mich so auf meine Haltung zum Zypressenbaum im Hof, dass ich mit dem Denkblick auf diese Szene meine schon gewonnene Losgelöstheit von Sympathien und Antipathien noch verstärke. Erst damit beginnt das eigentliche Meditieren. Während ich diese Szene und Loslösung fortlaufend hervorbringe, bin ich mir meiner Denkbewegung dabei bewusst und unterbreche diesen Vorgang nicht mehr wie vorher durch Reflexionen, was zu einem Wechsel von Nachdenken und meditativen Momenten führte. Der Zypressenbaum im Hof ist der Zypressenbaum im Hof, bildet sich immer mehr heraus, denn ich lege ja nichts mehr in die Szene hinein, sondern schenke ihr meine Bewusstheit, in der sie sich selbst offenbaren kann. Je intensiver meine Konzentration ist, desto mehr entwickeln sich zum Denken mein Mitfühlen und Mitwollen. Trotzdem ist das Meditationsthema nun nur noch meine Gelegenheit, diese Haltung zu erzeugen. Ich weiß um ihren Wert für den Alltag und für höhere Bewusstseinsstufen.


4. Hans-Peter Dieckmann: Erkenntnis und Selbstbestimmung


Gewöhnlich kommen wir denkend zu Erkenntnissen, aus reinem Nachdenken mit oder ohne Beobachtungsbezug. Sollte man meinen, oder? Ich finde zumindest, das wäre angebracht, denn wir wissen ja was für Urteile entstehen, wenn wir uns durch Emotionen oder zum Beispiel Begehren beeinflussen oder regelrecht hinreißen lassen. Denkend orientiert man sich mehr am Thema und bleibt beweglicher, eben weil man das Thema in den Mittelpunkt stellt und nicht sich selbst mit seinen Vorlieben. Dabei verstehe ich unter Denken noch kein meditatives Denken, sondern einfach ein alltägliches Denken, bei dem es um sachliche Klärungen geht. Selbst wenn dieses Denken keine spirituellen Erkenntnisse berücksichtigt, betätigt es sich bereits im übersubjektiven Geist und kommt ihnen damit entgegen. Zu Änderungen des Verhaltens führen seine Erkenntnisse allerdings nur, wenn sie durch Fühlen und Wollen eine genügende Zustimmung erfahren, die beim Streben nach Objektivität aber schon auf die Bereitschaft gestimmt sind, Erkenntnisse in Taten umzusetzen.

Doch wer weiß es nicht auch von sich selbst, immer gelingt das nicht: so absurd das ist. Denn was ergibt es für einen Sinn, Erkenntnisse bloße Erkenntnisse sein zu lassen! Wir wollen das nicht und haben in solchen Verfassungen trotzdem ein Stück weit unsere Selbstbestimmung verloren: an aktuelle Emotionen, Gefühlsgewohnheiten, Begehren oder Triebe und mit ihnen aufgeladene Gedanken. Auch Hellseher sind davor nicht gefeit und dann besonders betroffen, wenn sie solche Verfassungen zu wenig durchschauen. Nicht nur Fehlinterpretationen ihrer übersinnlichen Wahrnehmungen sind die Folge, sondern viel leichter als an Sinneseindrücken zugleich Wahrnehmungsverzerrungen, weil diese Verfassungen unmittelbar entstellend auf übersinnliche Wahrnehmungen einwirken.

Der anthroposophische Schulungsweg bietet viele Übungsanregungen, Einschränkungen der Selbstbestimmung vorzubeugen, sie zu stärken oder wiederzuerlangen. Besonders aus der Tagesrückschau lässt sich eine spezifizierte Fassung ableiten, die geeignet ist, direkt auf das Problem bezogen die Selbstbestimmung neu zu gewinnen: das Betrachten einer Vorstellung seiner selbst unter dem Einfluss von etwa mit Emotionen aufgeladenen Gedanken. Wie bei der Tagesrückschau ist es wichtig dabei einen Abstand herzustellen und trotzdem die Emotionen und Gedanken in der Vorstellung ganz zuzulassen. Ohne den Abstand würde man sich schnell wieder mit ihnen identifizieren und könnte sie deshalb weder untersuchen noch aufbauend bewerten. Den Blick lenkende Fragen können dafür sein: Was hat man unter dem Einfluss dieser emotionalisierten Gedanken schon alles getan? Worin besteht der Charakter der Emotionen und Gedanken? Und wo haben sie ihre seelischen Wurzeln? Die Bewertung zur ungeschminkten Betrachtung ergibt sich wie bei der Tagesrückschau gut, wenn man das Unwesentliche bzw. Unwesenhafte von dem für die Zukunft ausgemalten Wesentlichen bzw. Wesensgemäßen unterscheidet. Nach meiner Erfahrung ist es aber auch schon entspannend, sich in der emotionalisierten Verfassung von außen nur anzuschauen. Man ist dabei achtsamer als sonst, weshalb sich in dieser Entspannung allerdings meistens leicht Einsichten bilden oder empfangen lassen. Die Achtsamkeit ermöglicht eben nicht nur eine reifere eigene und mehr intuitive Denktätigkeit, sondern sie ist zugleich eine Öffnung zum Übersinnlichen. Die gewonnenen Einsichten zünden, denn sie werden erlebt und wirken tiefer läuternd auf irrationale Verfassungen als bloße Vernunftgedanken. Das befreit das Fühlen (und später entsprechend das Wollen) bei wiederholter Übung allmählich in dem Maße zum Erkennen, als es nun weniger stark in Form von Gefühlsreaktionen auf der Skala persönlicher Sympathien und Antipathien in Anspruch genommen wird. Unter anderem als nicht von Gedanken bereits geprägtes Wahrheits- und Gerechtigkeitsempfinden, als Mitfühlen und in der Ästhetik kann es dann sogar das Denken leiten.


5. Hans-Peter Dieckmann: Melodie und Stille


Ich war mir nicht sicher, ob das Niveau von Georg Kühlewinds Büchern gewahrt bleiben würde, als die Nachschrift eines von ihm im Jahr 2005 gehaltenen Seminars unter dem Titel “Melodie und Stille“ (Verlag Freies Geistesleben) im Dezember des vergangenen Jahres erschien. Doch zu dieser Veröffentlichung heißt es in den Anmerkungen: “Der Originaltext der Aufzeichnung wurde für die Buchveröffentlichung an wenigen Stellen gekürzt sowie, bei weitestmöglicher Wahrung des authentischen Tones, im Sinne der Lesbarkeit und Verständlichkeit sprachlich bearbeitet.“ Das ist sehr gut gelungen. Mit den Einschränkungen, die sich aus der gedruckten Form ergeben, liegt nun etwas von der anregenden Lebendigkeit der Seminare Georg Kühlewinds vor. Wie zum bestimmt unbeabsichtigten Vermächtnis leuchten in “Melodie und Stille“ noch einmal viele seiner großen Themen zur Einheit verwoben auf: seine Aufmerksamkeitsschulung mit seiner spirituellen Erkenntnistheorie, Psychologie und Linguistik als Bahnen zum Logos, zur Leere und zur Kunst. So sehr Georg Kühlewind Ausführungen etwa von Rudolf Steiner, von (auch modernen) Zen-Meistern und Anstöße aus der Kunst verarbeitet hat und in diesem Seminar mit vielen biographischen Bezügen darstellte, war er immer unverwechselbar und kreativ er selbst.

Das Morgengebet


Aus Georg Kühlewinds “Morgengebet“, das in Form einer Vor- und einer Hauptübung durchgeführt werden kann und in der zweiten Fassung nach dem ersten Tag an jedem Seminarmorgen für wenige Minuten praktiziert wurde, lassen sich alle Seminarinhalte entwickeln. Für beide Fassungen wählt man einen leicht anschaubaren Gegenstand, um seine Aufmerksamkeit zunächst auf ihn und danach auf sich zu richten, ohne den Gegenstand jemals aus dem Blick zu verlieren. Der Gegenstand sollte einem persönlich nicht so attraktiv sein, dass man von Reaktionen auf diese Attraktivität gefesselt wird, denn das würde die nötige Beweglichkeit beim Üben verhindern.

Zu Beginn kommt sicher fast jeder Übende zu dem schlichten Ergebnis: ich bin hier und der Gegenstand ist dort, womit man sich allerdings ein Beispiel für jenes dualistische Welterleben ins Bewusstsein gehoben hat, das die Erfahrungen der meisten Menschen fundamental ausmacht. Nach der vollen Konzentration auf das Übungsobjekt entdeckt man dann, dass man sich bei ihr für einen Moment vergaß, um kurz darauf wieder bei sich zu landen: beim Selbstempfinden und bei Gedanken, die mehr oder weniger um einen selbst kreisen. Die Aufgabe des eigentlichen “Morgengebets“ besteht darin, dieses schnelle und unwillkürliche Umspringen durch eine bewusste Langsamkeit zu ersetzen, wobei man auf dem letzten Weg zu sich irgendwo zwischen sich und dem Gegenstand stoppen kann (nicht muss). Je wachsamer das gelingt, desto mehr wird einem bewusst, was bei weniger Wachsamkeit nur aufblitzt: für die Dauer der Konzentration auf den Gegenstand ist man in seiner Aufmerksamkeit mit ihm vereint und (so meine beste Erfahrung) gleichzeitig gegenwärtig, was die Rückkehr zu sich im Grunde überflüssig macht: die erzeugte Ich-Präsenz ist dabei frei von Egoempfindungen. Für sich wäre diese Ich-Präsenz eine ihrer selbst bewusste Aufmerksamkeit: leer und damit fähig sich bis zur Vereinigung neu zu verbinden, doch jetzt ist sie zugleich der Wahrnehmungseindruck solange die Konzentration kontinuierlich aufrechterhalten bleibt. Es gibt kein Innen und Außen mehr. Aber sobald die Aufmerksamkeit nachlässt, beginnt man wieder in die Stückwelt zu treten, in die Dualität und in das diskontinuierliche Erkennen, das ständig ansetzt, unterbricht und erneut ansetzt, um zu Erkenntnisergebnissen zu kommen. Die Aufmerksamkeit wird immer, was sie wahrnimmt, auch zu Gedanken, Gefühlen, Willensimpulsen und zu den Bewusstseinsprozessen, die sie hervorbringen, doch gewöhnlich verschlafen wir das. Bei erhöhter Wachsamkeit ist unmittelbar evident, dass die Welt und unser Erkennen (der Anlage nach) aufeinander abgestimmt sind und auf den Logos als gemeinsamen Ursprung weisen. Wenn ich mich doch aus der Einheit mit dem Wahrnehmungseindruck löste, konnte ich zwar die gewonnene Ich-Präsenz aufrechterhalten, aber es meldete sich schnell wieder etwas vom alltäglichen Selbsterleben, nun jedoch abgeschwächt, leichter und tiefer durchschau-, lenk- und wandelbar. Es beinhaltet unter anderem den subjektiven Kram, wie Georg Kühlewind die angesammelten Gewohnheiten, Vorurteile, auch Gefühlsvorurteile im Verlauf des Seminars hart nannte, die unser Welt- und Selbsterkennen verfärben, wenn man sie nicht bemerkt. Doch sie bergen in sich den Erleuchtungsgeist und können verwandelt auf das Erkennen und Schaffen orientiert werden, etwa als ergebnisoffenes Interesse. In seiner Ergebnisoffenheit ist es leer und deshalb hingabe- und aufnahmefähig sowie frei, zum Beispiel moralische, technische und künstlerische Neuschöpfungen hervorzubringen.

Stufen der Leere


Georg Kühlewind wies darauf hin, dass es verschiedene Stufen von Leerheit gibt. Sowohl die denkende als auch die fühlende und wollende Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsarten über sie hinaus können leer gehalten werden. Je höher der Grad an Leere, desto umfassender gelingt ein Verstehen des Erkannten aus sich heraus. Bis zur Vereinigung des Erkennenden mit dem Erkannten auf der Wesensebene ist noch nichts unmittelbar voll verstanden und jedes Einheitserleben relativ. Das schließt Wissen aus Mitteilungen nicht aus, ja macht es sogar hilfreich, denn selbst wenn man die Wesensebene schon erreichen kann, hat man ihren Umfang längst nicht gleich ausgeschritten. Wissen kann aber auch dazu beitragen, zu eigenen neuen und reicheren Erfahrungen zu finden. Wer vorbereitet in ein fremdes Land reist, entdeckt dort mehr. Das gilt auch für Reisen ins Übersinnliche. Und doch kommt anderseits alles darauf an, dass man an das den Blick lenkende Wissen eine leere Aufmerksamkeit knüpft, um das jeweils Entdeckte in seiner Besonderheit direkt zu erfahren und natürlich auch um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Jedes Erüben der leeren Aufmerksamkeit führt zur Bereitschaft, sein Erkenntnisbezugssystem ständig zu erweitern. Vor allem aber tritt man mit der leeren Aufmerksamkeit gradweise wieder in die verlorene Einheit mit der Welt und begibt sich dabei in Richtung auf sein wahres Selbst. Erste Wege dorthin sind einfach: wer etwa einer Melodie bei innerer Stille zuhört, schwingt vereint mit ihr mit.

Das “Morgengebet“ und die von mir zu ihm angeführten Erfahrungen und Einsichten wurden während des Seminars von Georg Kühlewind natürlich viel umfassender besprochen. Themen zum Dualismus waren das physikalische Weltbild, der Konstruktivismus und die prägenden Einflüsse der Sprachen, um nur sie zu nennen. Zur Überwindung des Dualismus ging es zusammen mit Georg Kühlewinds ureigenen Erkenntnissen besonders um östliche Weisheitslehren aus Indien, China und Japan sowie um verwandte einiger christlicher Mystiker des europäischen Mittelalters. Psychologische Fragen, der ethische Individualismus Rudolf Steiners, Aussagen von ihm zum Leben nach dem Tod und zur Reinkarnationen sowie die Hierarchien-Lehre wurden vor allem unter den Gesichtspunkten Formfreiheit bzw. Leere und der Alternative Individualität oder Ego beleuchtet. Und trotz seiner wertvollen Hinweise auf die Kunst machte Georg Kühlewind immer wieder darauf aufmerksam, dass sich Kunst letztlich nur durch Kunst selbst erschließen lässt, ähnlich wie das Meditieren am besten durch das Meditieren verstanden wird. Ich empfehle das Buch zum Studium und als Übungsanregung.


6. Hans-Peter Dieckmann: Das reine Denken


Immer mal wieder wird auf dieser Website das reine Denken erwähnt. Doch was bedeutet es im Sinne der Anthroposophie? In Anknüpfung an den ersten Teilsatz einer Ruhe-Meditation von Rudolf Steiner “Ich trage Ruhe in mir, …“ (1) möchte ich zu dieser Frage einige Hinweise geben.

Für den Einstieg in die Ruhe-Meditation wird es nach meinem Überblick oft als hilfreich empfunden, wenn man sich Ruhe-Situationen oder einen Menschen, den man als in sich ruhend kennt, vorstellt, um die daran erlebte Ruhe danach auf sich zu übertragen. Ruhe-Situationen können zum Beispiel sein: eine Stille im Wald, in der Wüste, am Strand, oder die Stille und Ungestörtheit eines Zimmers. Natürlich kann man auch sofort eine Vorstellung bilden, bei der man sich von Ruhe durchdrungen sieht. Das sind (erinnerte oder geschaffene) Vorstellungen von äußerer, fremder oder eigener Ruhe, welche die Idee der Ruhe bildhaft umkleiden und spezialisieren. Die Idee der Ruhe umfasst dagegen gedanklich alles, was Ruhe ausmacht. Ein Stück weit wird sie bei jeder Ruhe-Vorstellung bereits mitgedacht. Um sie rein als Idee zu denken, muss man sie von allen Sinneselementen lösen, was vielen Menschen schwer fällt, weil ihr Erleben und deshalb ihr Wirklichkeits- und Selbstverständnis einseitig an die Sinneswelt gebunden sind. Indem man den Fokus seiner Aufmerksamkeit von der bildhaften Einkleidung der Ruhe auf ihre Bedeutung verlagert, nähert man sich der Ruhe-Idee, die – im zweiten Schritt – bei voller Konzentration auf die Bedeutung dann allein aufleuchtet. Wem es gelingt, sich voll auf die Ruhe-Idee zu konzentrieren, ruft Ruhe zugleich als Gefühl und bald auch als Wille hervor.

Damit das Denken der Ruhe (und jeder anderen Idee) als reines Denken verlaufen kann, muss man es zugleich von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten unabhängig halten. Man bewegt das reine Denken eben aus der Klarheit voll durchschauter Gedanken, wobei nur noch ein höheres Fühlen und Wollen mitwirken. (2) Die Unabhängigkeit von seinen schon veranlagten Emotionen, Begehren, Trieben und Instinkten sollte nach meiner Erfahrung ohne jede Unterdrückung angestrebt werden, wobei man zunächst auf mehr Achtsamkeit im Umgang mit ihnen und später auf ihre Reifung zielt. Die Denkeinsichten bilden dafür einen wirksamen Ansatz. Das reine Denken verläuft außerdem frei von jeder Sprache. Solange man sich etwa das Wort Ruhe innerlich vorsagt, betätigt man sich nicht ausschließlich geistig, sondern benutzt ein wenig seine Sprachorgane und legt die Ruhe-Idee eventuell auf eine bestimmte Sprachauffassung von ihr fest.

Das reine Denken wird weiter entwickelt, wenn man sich die Denktätigkeit zu den Denkinhalten bewusst macht, wofür sich länger andauernde und wiederholte Konzentrationen auf nur eine Idee gut eignen. Sie trainieren die Denktätigkeit bzw. den Denkwillen besser als das schnelle Wechseln von Gedanke zu Gedanke. Die Denktätigkeit wird zusammen mit den Denkinhalten bemerkt. Spätestens dann bestätigt sich als Erfahrung, was Rudolf Steiner für das reine Denken oft dargestellt hat: es verläuft vom Gehirn gelöst, man weitet sich über seine Körpergrenzen hinweg aus und kann sich nun sagen: “Wenn du im Denken richtig drinnen lebst, lebst du, wenn auch zunächst auf eine unbestimmte Weise, im Weltall.“ (3) Man erfasst dabei die Weltgeheimnisse allmählich an einem Zipfel, wie es Rudolf Steiner in seiner “Philosophie der Freiheit“ ausgedrückt hat, denn man hat sich über die Sinnesbeobachtungen in Richtung auf ihre geistigen Gründe erhoben. Doch da der Eingang in die eigentliche Geistesforschung durch das imaginative, inspirative und intuitive Erkennen noch nicht erreicht ist, erschließt sich das Übersinnliche erst in Form von selbst hervorgebrachten und empfangenen Gedanken. Das sonst punktuelle Ich-Erleben (von dem aus man sich von der Sinneswelt umgeben erfährt) ist aber bereits mit einem mehr sphärischen vertauscht, so dass man jetzt vom geistigen Umkreis auf sich schaut. Man wird sich Objekt, so Rudolf Steiner, wobei man nach ihm (was überprüfbar ist) mit dem nun betätigten Denken “geistige Fühlfäden“ (4) in sich hineinstrecken kann und dabei vertiefte Selbsterkenntnisse gewinnt.

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Quellen

1 Rudolf Steiner, Mantrische Sprüche – Seelenübungen II (GA 268)

Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.

2 Rudolf Steiner charakterisierte dieses höhere Fühlen und Wollen
in seiner “Philosophie der Freiheit“ als Kraft der Liebe in geistiger Art.

3 Rudolf Steiner, Mysteriengestaltungen (GA 232); zitiert nach Otto Palmers “Rudolf Steiner
über seine Philosophie der Freiheit“, S. 44 – 46

4 ebenda

7. Der Integrale Yoga von Sri Aurobindo

Ein Überblick mit Anmerkungen aus meiner anthroposophischen Sicht
von: Hans-Peter Dieckmann


Aurobindo (1872 – 1950) war ein Revolutionär, zunächst politisch im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens von der englischen Kolonialherrschaft, später als Begründer des Integralen Yoga. Dabei war er in ein Elternhaus hineingeboren, das – vor allem vom Vater ausgehend - den Einfluss der indischen Kultur auf ihn und seine Brüder weitgehend ausschaltete. Der Vater, Dr. med. Krishna Dhan Ghose, hatte in England ein Zusatzstudium absolviert und war stark anglisiert in seine Heimat zurückgekehrt. So wuchs der junge Aurobindo mit Hindustani und Englisch auf, aber ohne seine bengalische Muttersprache. Im Alter von sieben Jahren wurde Aurobindo mit seinen Brüdern nach England geschickt, um dort die Schule zu besuchen, mit der ausdrücklichen Anweisung des Vaters, jeden Kontakt zu indischen Landsleuten zu unterbinden. In der Schule gewann er Preise in Geschichte und Literatur, unter anderem für seine Dichtungen in Latein und Griechisch. Durch ein Studium am King’s College in Cambridge wurde Aurobindos Aufenthalt in England abgeschlossen. 1893 kehrte er nach Indien zurück, um sich dort „aufgrund natürlicher Hingezogenheit zur indischen Kultur und indischen Lebensweise, aufgrund einer in meinem Temperament wurzelnden Gefühlsbestimmtheit und Bevorzugung alles Indischen“ (1) schnell einzuleben, wobei er auch Bengalisch lernte. Trotzdem entdeckte Aurobindo die reiche indische Kultur zugleich aus einem Abstand: ihre ideale Gestalt in ihren Heiligen Schriften und ihre Lebenspraxis als Verwaltungsbeamter, Staatsekretär, Hochschullehrer für Englisch sowie englische Literatur und schließlich als politisch Aktiver. Sein Abstand war aus seiner Wertschätzung von Elementen der europäischen (nicht nur der englischen) Philosophie gebildet, aber auch aus seinen Erfahrungen mit der englischen Pädagogik. So brachte er deren Impuls zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff als Hochschullehrer ein, was für damalige indische Studenten sehr ungewohnt und zunächst sogar irritierend war, denn sie kannten es bloß, Vorlesungen in einer einseitigen Verehrungshaltung anzunehmen und auswendig zu lernen. Hat Aurobindo den Evolutionsgedanken, der in seiner Yoga-Lehre eine so große Rolle spielt, von Darwin und anderen europäischen Wissenschaftlern und Philosophen übernommen und spirituell weiterentwickelt? Es gibt zwar in der indischen Tradition Ansätze zu ihm, doch das scheint nahe liegend. Auf jeden Fall entdeckte Aurobindo die Kultur seiner Heimat nicht nur aus einer inneren Verwandtschaft, sondern auch mit einem Abstand und erst ab dem jungen Erwachsenenalter. Zu jedem Hineinwachsen in eine Kultur von Kind auf an macht das ja einen großen Unterschied, die Aufnahme ist deutlich bewusster. Ich halte diese Schicksalsgegebenheit und Aurobindos spirituelle Kreativität für die Schlüssel zu seinem eigenständigen Umgang mit den alten Yoga-Lehren und –Wegen, über die er eindeutig hinausgegangen ist.

Grundhaltungen des Integralen Yoga


Es war Aurobindos politischer Kampf, der ihn zu den alten Yoga-Lehren und –Wegen führte, in der Hoffnung, durch sie seinen politischen Einsatz zu stärken. In Eigenregie begann er intensiv mit Pranayama-Übungen (Atemregulierungen) und erlebte als Folge eine Erhöhung seiner Gesundheit, seiner Gedächtnis- und schöpferischen Kräfte und sogar Anfänge von Hellsehen. Aber Aurobindo wollte noch mehr Stärkung und bat für sie Guru Lele um Hilfe. Mit der ihm eigenen Konsequenz befolgte er dessen Rat, seinen Geist durch eine Zurückweisung aller Gedanken in eine inhaltslose Bereitschaft zu versetzen, um eine innere Ruhe als Basis für weitere Entwicklungen zu erreichen. Doch „das erste Ergebnis war eine Reihe von erschreckend machtvollen Erfahrungen, die er – sein Guru - niemals beabsichtigt hatte. Sie ließen mich die Welt mit einer erstaunlichen Intensität als ein filmartiges Spiel leerer Formen in der unpersonalen Universalität des absoluten Brahman schauen ... Das war die Erfahrung des stillen, raum- und zeitlosen Brahman, und sie wurde erreicht, nachdem eine völlige und bleibende Stille des ganzen Bewusstseins eingetreten war. Zuerst war sie von dem Gefühl und der Wahrnehmung der völligen Unrealität der Welt begleitet. (2)

Guru Lele wollte bei Aurobindo nur eine Klärung hervorrufen und meinte nun, diese Erfahrung sei vom Teufel und nicht von Gott geschickt, als er sah, dass er sie nicht mehr rückgängig machen konnte. Doch Aurobindo war sich seiner Erfahrung gewiss und setzte unbeirrt seinen Weg fort, was viel bedeutet, wenn man um die Stellung unbedingter Autorität von Gurus damals und selbst noch im heutigen Indien weiß. Lele gab ihm allerdings auch den weisen Rat, in Zukunft dem Führer im Inneren so vollständig zu folgen, wie er sich zunächst nach seinen Anweisungen gerichtet hatte. In dem Buch „Synthese des Yoga“ schrieb Aurobindo später über das Guru-/ Schüler-Verhältnis: „Auch das soll ein Kennzeichen (für einen Lehrer) des Integralen Yoga sein, dass er nicht für sich in einem menschlich eitlen und sein Ego hervorhebenden Sinn den Anspruch erhebt, ein Guru zu sein. Wenn er ein Werk zu leisten hat, ist es ihm von oben her anvertraut. Er selbst ist dessen Kanal, sein Träger oder Repräsentant. Er ist ein Mensch, der seinen Brüdern hilft; ein Kind, das Kinder anleitet; ein Licht, das andere Lichter anzündet; eine erwachte Seele, die andere Seelen erweckt; im besten Falle ist er eine Macht oder Gegenwart Gottes, der andere Mächte göttlichen Wesens zu diesem beruft.“ (3)

In der umfangreichen Korrespondenz mit seinen Schülern gab Aurobindo nicht nur Erklärungen, sondern trat mit ihnen auch immer wieder in Dispute. Die eigentliche Führung im Integralen Yoga ergibt sich aber eben aus der Hingabe an Gott. Für diese Hingabe kann man keine technischen Anleitungen wie etwa für Pranayama-Übungen geben, sie muss vor allem individuell als eine Glaubens- und Öffnungshaltung erbracht werden. Aurobindo erschloss sie sich im Gefängnis von Alipur 1908 während seiner Untersuchungshaft, in die er wegen Anstiftung zum Aufstand gegen die englische Kolonialmacht einsitzen musste – um schließlich freigesprochen zu werden. Nach seiner eigenen Aussage erhielt er in dieser Zeit von Gott selbst die Bhagavad Gita in die Hand und wurde dank Gottes Kraft dazu in die Lage versetzt, in seiner Zelle und während der Gerichtsverhandlungen nach der Gita zu üben. So lernte er wie einst der Krieger Arjuna von Krishna frei von Widerstreben und egoistischen Wünschen, gleichmütig gegen Erfolge und Niederlagen, gegen Freunde und Feinde Gottes Werk zu tun: in der Welt mit ihren zahlreichen Lerngelegenheiten und Aufgaben, die aus der Perspektive seines neuen Gotteserlebnisses einen tiefen Entwicklungssinn haben. Für Aurobindo überstieg diese personale Gottesbegegnung weit die mit dem unpersönlichen Brahman. Seine Gottesbeziehung als ein persönliches Verhältnis wurde leitend für die Entwicklung des Integralen Yoga, die ab nun sein (äußeres) politisches Engagement schnell abzulösen begann.

Der Integrale Yoga schließt alle alten Yoga-Lehren und –Wege ein, die man vereinfacht mit dem Yoga der Erkenntnis, dem Yoga der liebenden Hingabe, dem Yoga des Umgangs mit übersinnlichen Kräften (Siddhis) und dem Yoga der Tat zusammenfassen kann. Doch diese Yoga-Wege zielen vor allem auf einen Aufstieg aus dem irdischen Jammertal, das sie dann unverwandelt zurücklassen! Man kann sie oder Elemente von ihnen aufgreifen, um ihre Höhen zu erreichen, doch wie lässt sich das ganze Leben auf der Erde verwandeln? Die Aufstiegswege reichen dafür nicht aus, ja, man kann laut Aurobindo ihre Höhen sogar bis zu einem gewissen Grad verwirklichen und trotzdem in Teilen seines Wesens ungeläutert bleiben. Würde man aus dem Geist der alten Yoga-Lehren und –Wege eine Gesellschaft aufbauen, so Aurobindo, müsste man sie als eine pure Durchgangsgesellschaft gen Himmel oder Nirvana gestalten. Kurz: es müssen neue Einsichten, Liebesfähigkeiten, Kräfte und Handlungen durch und für eine bisher noch nie da gewesene Transformation erschlossen werden. Da diese Transformation das bisherige spirituelle Vermögen übersteigt, kann sie nach Aurobindo nur über einen Kontakt mit der höchsten göttlichen Macht gelingen, die es erst noch voll auf die Erde herab zu bitten gilt. Nicht der Aufstieg soll deshalb das Hauptziel seines Yoga sein, sondern die Herabkunft des Supramentalen, wie er das höchste personale Göttliche nannte, zu dem der Mensch durch seinen Yoga Zugang finden kann.

Für das Meditieren gab Aurobindo die Konzentration „auf“ die (nach seiner Erkenntnis) zwei Hauptzentren des Menschen an: das Herz und den Kopf, wobei er mit dem Herzen nicht das physische Herz meinte, sondern ein übersinnliches Zentrum in der Nähe der Brustmitte und mit Kopf eigentlich ein übersinnliches Zentrum ein Stück weit oberhalb der Schädeldecke. „Du musst das Bewusstsein an einer dieser Stellen verankern (gerne abwechselnd, meinte er zuvor) und dich nicht auf diese Stelle, sondern von dort aus auf das Göttliche konzentrieren“, schrieb er an einen Schüler laut dem Kompendium „Alles Leben ist Yoga“ (Kapitel: Helfer der Sadhana). Und weiter: „Die ganze Grundlage dieses Yoga ist, sich dem göttlichen Einfluss zu öffnen. Er ist über dir, und wenn du dir einmal seiner bewusst werden kannst, musst du ihn in dich hernieder rufen. Er kommt in den Geist und Körper als Frieden, als Licht, als eine wirkende Kraft, als die Gegenwart des Göttlichen in einer Gestalt oder gestaltlos, als Ananda (Seligkeit). Bevor man dieses Bewusstsein hat, muss man Glauben haben und nach dem Öffnen streben. Streben, ein Ruf, ein Gebet, sind Formen ein und derselben Sache, und alle sind wirksam. Du kannst diejenige Form wählen, die zu dir kommt oder dir am einfachsten erscheint.“

Insofern das Schwergewicht mehr auf der Konzentration als auf der Glaubensöffnung liegt, ist das Streben systematischer, aber nicht fixiert: „Meditation kann weitläufig sein, z.B. das Nachdenken über das Göttliche, das Empfangen und Unterscheiden von Eindrücken, das Beobachten, was in der menschlichen Natur vorgeht, das Einwirken darauf usw.“, wird Aurobindo in dem genannten Buch zitiert. Die Chakras werden beim Integralen Yoga (wie beim anthroposophischen Schulungsweg) grundsätzlich von oben nach unten aktiviert, um über die obere Erweckung, die mit der von Herzens- und Erkenntnisqualitäten einhergeht, für die schwierigeren Bereiche, z.B. die Sexualität, gerüstet zu sein. Neben der Öffnung zum Supramentalen gilt für beide Schwergewichte, „den Geist zur Ruhe zu bringen, zur Zeit der Meditation alle Gedanken zurückzuweisen und alle Regungen, die der Sadhana (Übung) fremd sind. Im ruhigen Geist wird eine fortschreitende Vorbereitung für die innere Erfahrung stattfinden. Doch du darfst nicht ungeduldig werden, wenn all dies nicht sofort stattfindet. Es bedarf langer Zeit, um die vollkommene Ruhe in den Geist zu bringen; du musst damit fortfahren, bis das Bewusstsein bereit ist.“ Auch diese Anleitung stammt aus „Alles Leben ist Yoga“ (Kapitel: Helfer der Sadhana), wie auch der Hinweis, dass eine rückhaltlos wahrhaftige Selbsterkenntnis zur unerlässlichen Basis des Strebens gehört.

Ab 1926 zog sich Aurobindo vollständig aus der Öffentlichkeit zurück, nach seiner Erfahrung des Übermentalen bzw. des kosmischen Bewusstseins, das er mit allen Einsichten und Verwirklichungsmöglichkeiten als letzte Zwischenstufe zum Supramentalen begriff. In der Abgeschiedenheit seines Ashram-Zimmers wollte er sich von nun an seiner weiteren Yoga- Entwicklung widmen, um den Zugang zum von ihm damals erst mehr erahnten höchsten Göttlichen zu erschließen. Es spricht für die Integrität seiner Persönlichkeit, dass Aurobindo bis zu seinem Tod 1950 nie verkündet hat, dass ihm das ganz gelungen ist.

Bewusstseinsstufen des Integralen Yoga


Bei der Darstellung der Bewusstseinstufen des Integralen Yoga als ein Aufstieg bitte ich Aurobindos eigentliches Ziel, die Herabkunft des Göttlichen und die Verwandlung alles Irdischen, nie aus dem Blick zu verlieren. Auch in der Abgeschiedenheit seines Ashram- Zimmers, die ihm nun bessere okkulte Forschungsbedingungen bot, stand er weiterhin in der ganzen Welt und arbeitete seinen Yoga fortgesetzt aus: um zum Helfen in der Evolution anzuregen und anzuleiten, denn: „Die Evolution, die wir in dieser Welt sehen, ist ein langsamer und schwieriger Prozess und braucht ohne Zweifel gewöhnlich ganze Zeitalter, um bleibende Ergebnisse zu erzielen. Im Gegensatz dazu ist eine Evolution im Licht und nicht mehr in der Dunkelheit möglich, in der das evolvierende Wesen ein bewusster Teilhaber und Mitarbeiter ist. Und genau das ist es, was hier auf der Welt eintreten muss.“ (4) Aurobindo war sich nur zu klar, dass diesem Ziel die „dunkle Hälfte der Wahrheit“ gegenübersteht, wie er die Hindernisse in und um uns einmal nannte. Damit deutete er bereits an, dass er diese „dunkle Hälfte“ keineswegs als bloß übel auffasste, sondern in ihr die notwendigen Widersacher erkannte, die uns auf subjektive und objektive Schwächen als verdeckte Lichthinweise aufmerksam machen, unerbittlich wieder und wieder, wie man es empfinden kann, oder weiser als Entwicklungschancen angenommen. Selbst der groteskeste und abwegigste unserer persönlichen Irrtümer mit allen seinen Lebensfolgen enthält laut Aurobindo eben noch einen Funken Wahrheit, den es zu entbinden gilt – und der nur dann gefestigt wird, wenn man seine Dunkelheit durchschreitet und läutert. Das gilt aber auch für die objektiven Schwierigkeiten, die den uns gewöhnlich überbewussten und in sich reinen geistigen Sphären komplementär verbunden sind: jeder Himmel hat seine Hölle und die Höllen sind uns gewöhnlich ebenso wenig wie die Himmel bewusst. Doch wenn ein Integraler Yogi zu einem Himmel aufsteigt, sollte er sich wieder zurückwenden, um sein Wahr-Schön- Gutes und seine Macht in die ihm entsprechende niedere Region zu bringen. Für die Verwandlung der Materie reichen die Himmelskräfte alleine jedoch noch nicht, für diese Verwandlung braucht es die Kraft des Überhimmlischen, des Übermentalen oder kosmischen Bewusstseins und letztlich des Supramentalen. Nach Aurobindo wäre das wesentliche Merkmal der „ver-übergeistigten“ Materie eine Empfänglichkeit, die sie befähigt, bewussten Einsichten, Gefühlen und Willensimpulsen so zu folgen, wie etwa der Ton in der Hand eines modellierenden Künstlers. Wer selber einen spirituellen Schulungsweg geht, weiß, wie weit seine körperliche Verfassung von diesem Ideal entfernt ist. Anderseits: In was für körperlichen Verfassungen bis hin zum Aussehen würden wir uns dann heute wohl befinden! Klar, Aurobindo hat reife Einwirkungen gemeint.
Für die Darstellung der Bewusstseinsstufen oberhalb des heutigen Normalbewusstseins zitiere ich aus Aurobindos dreibändigem Werk „Das göttliche Leben“, Band 2, Kapitel: Der Aufstieg zum Supramentalen:

Unser erster entscheidender Schritt aus unserer menschlichen Intelligenz, unserer normalen Mentalität hinaus ist ein Aufstieg in ein Höheres Mental, das keine Mischung von Licht und Dunkelheit oder Zwielicht mehr ist, sondern außerordentliche Klarheit des Geistes. Seine Grundsubstanz ist ein Empfinden, das unser Wesen mit machtvoller vielfältiger Dynamik vereint, die eine Menge von Aspekten der Erkenntnis, von Methoden des Handelns, von bedeutungsvollen Formen des Werdens und allem gestalten kann, von dem es ein spontanes inneres Wissen besitzt. Darum ist es eine Macht, die vom Übermental ausgeht – aber das Supramental als letzten Ursprung besitzt -, von dem all die höheren Mächte herrühren. Ihr besonderer Charakter, ihre Bewusstseins-Aktivität, wird aber vom Denken beherrscht. 
Das Höhere Mental ist ein erleuchtetes Denk-Mental, das Mental eines aus dem Geist geborenen begrifflichen Erkennens. Der Charakter dieses größeren Mentals des Wissens ist eine All-Bewusstheit, die der ursprünglichen Identität entspringt. Sie besitzt die Wahrheiten, die die Identität enthält. Sie erfasst sie rasch, unwiderstehlich und vielfältig. Sie formuliert und realisiert ihre Wahrnehmungen wirksam durch die Selbst-Macht der Idee. Diese Art der Kenntnisnahme ist die unterste Stufe, die aus der ursprünglichen spirituellen Identität hervortritt, bevor die trennende Erkenntnis, die Grundlage der Unwissenheit, einsetzt. Darum ist sie die Erste, die wir antreffen, wenn wir aus dem begrifflichen, durch die Vernunft bestimmten Mental, unserer bisher bestorganisierten Erkenntnismacht innerhalb der Unwissenheit, in die Bereiche des Geistes emporsteigen. Das Höhere Mental ist der eigentliche spirituelle Urheber unserer begrifflichen mentalen Ideenbildung. Darum ist es natürlich, dass die bisher führende Macht unserer Mentalität, wenn sie über sich hinauskommt, zu ihrem unmittelbaren Ursprung weitergeht.

Nach Aurobindo ist dieses höhere Denken nicht auf logische Schlussfolgerungen, die wie so oft im gewöhnlichen Bewusstsein von Prämissen und zahlreichen Daten ausgehen und eher langsam Schritt für Schritt vorankommen, angewiesen. Es ist mehr ein denkendes Erschauen und die Teilhabe an der „Selbst-Enthüllung ewiger Weisheit; es ist kein (wie sonst) erworbenes Wissen. Umfassende Aspekte kommen in unser Gesichtsfeld, in denen das emporsteigende Mental, falls es das will, nach früherer Art wie in einem Gebäude zufrieden wohnen kann. Soll aber ein Fortschritt erzielt werden, dann muss sich dieses Gebäude ständig in eine neue, umfassendere Struktur ausweiten.

Das Subjekt der folgenden Stufe des Aufstiegs nennt Aurobindo das Erleuchtete Mental, „das nicht mehr ein Mental des höheren Denkens, sondern ein solches spirituellen Lichtes ist. Hier weicht die Klarheit der spirituellen Intelligenz, ihr ruhiges Tageslicht einer Strahlkraft, einem Glanz und einer Erleuchtung des Geistes: Ein Feuerwerk von Blitzen spiritueller Wahrheit und Macht bricht von oben her in das Bewusstsein ein. Es fügt der ruhigen weiten Erleuchtung und dem gewaltigen Herabströmen von Frieden, die das Wirken des umfassenderen begrifflich-spirituellen Prinzips charakterisieren oder begleiten, die feurige Glut der Verwirklichung und eine leidenschaftliche Ekstase des Wissens hinzu. Dieses Wirken wird im Allgemeinen vom Herabströmen eines innerlich sichtbaren Lichtes umhüllt. Denn hier ist zu beachten, dass, im Unterschied zu unseren gewöhnlichen Auffassungen, Licht nicht erster Linie eine materielle Schöpfung ist. Das Empfinden oder die Schau von Licht, die die innere Erleuchtung begleiten, sind nicht nur ein subjektives visuelles Abbild oder ein symbolisches Phänomen: Licht ist in erster Linie eine spirituell erleuchtende und schöpferische Manifestation der Göttlichen Wirklichkeit. Materielles Licht ist dessen Folgeerscheinung, seine Repräsentation oder Umwandlung in Materie für die Zwecke der materiellen Energie. Bei dieser Herabkunft tritt auch eine größere Dynamik ein, ein „goldenes Drängen“, ein lichtvoller Enthusiasmus von innerer Kraft und Macht, der den (im Vergleich zu ihr nun selbst) verhältnismäßig langsamen und bedächtigen Prozess des Höheren Mentals durch das rasche, manchmal heftige, beinahe gewalttätige Ungestüm einer rapiden Umwandlung ersetzt.
Das erleuchtete Mental wirkt nicht erster Linie durch Denken, sondern durch Schau. Denken (auch das höhere) ist hier nur eine untergeordnete Funktion, um das Geschaute auszudrücken.

Das menschliche Mental, das sich hauptsächlich auf das Denken verlässt, meint, dieses sei der höchste oder wichtigste Prozess der Erkenntnis. Aber in der spirituellen Ordnung ist Denken ein sekundärer, gar nicht unentbehrlicher Prozess ... (Es ist) durchaus nicht unentbehrlich, um das Wissen zu empfangen und zu besitzen.

Ein Bewusstsein, das sich auf Schau gründet, das Bewusstsein des Sehers, ist für die Erkenntnis eine stärkere Macht als das Bewusstsein des Denkers. Die wahrnehmende Macht innerer Schau ist größer und unmittelbarer als die wahrnehmende Macht des Denkens. Sie ist ein spiritueller Sinn, der etwas von der Substanz der Wahrheit erfasst, und nicht nur ihr Abbild. Sie umreißt zwar das Abbild, erfasst aber auch die Bedeutung des Bildes. Sie kann die Wahrheit in feiner und kühner offenbarender Darstellung, mit umfassenderem Verständnis und mehr Kraft zur Ganzheit verkörpern, als es das gedankliche Begreifen fertig bringt.

Diese beiden Stufen des Aufstiegs können sich ihrer Autorität nur dann erfreuen und ihre vereinte Vollständigkeit erlangen, wenn sie sich auf eine dritte Stufe beziehen. Denn von den höheren Gipfeln her, wo das intuitive Wesen daheim ist, beziehen sie das Wissen, das sie in Denken und Schau verwandeln und uns zur Umwandlung des Mentals herab bringen. Intuition ist eine Bewusstseins-Macht, die dem ursprünglichen Wissen durch Identität näher steht und mit ihm inniger verwandt ist. Sie ist immer etwas, das unmittelbar der verborgenen Identität entspringt. Wenn das Bewusstsein des Subjekts auf das Bewusstsein im Objekt trifft, es durchdringt und die Wahrheit dessen, das es berührt, sieht, fühlt und mit ihr schwingt, springt die Intuition wie ein Funke oder ein Blitz aus diesem Zusammenprall über. Es kann auch zu solchem Hervorbrechen eines intuitiven Lichtes kommen, wenn das Bewusstsein auch ohne ein solches Zusammentreffen, in sich hineinschaut und unmittelbar und innig die Wahrheit oder die Wahrheiten fühlt, die es dort gibt; oder wenn es Kräfte berührt, die hinter den äußeren Erscheinungen verborgen sind. Ferner wird der Funke, der Lichtstrahl oder das Aufflammen einer inneren Wahrheits-Wahrnehmung in ihren Tiefen entzündet, wenn das Bewusstsein der höchsten Wirklichkeit oder der spirituellen Wirklichkeit von Dingen und Wesen begegnet und mit ihr durch innigen Kontakt Einung erfährt. Diese nahe Wahrnehmung ist mehr als ein Schauen, mehr als ein Begreifen. Sie ist das Ergebnis einer eindringenden und offenbarenden Berührung, die sich als Teil ihrer selbst oder als natürliche Folge das Schauen und Begreifen enthält. Eine verborgene oder schlummernde Identität, die sich noch nicht ganz wieder gefunden hat, erinnert sich durch die Intuition an alles, was sie enthält, oder sie übermittelt uns ihre eigenen Inhalte, die innere Unmittelbarkeit ihres Selbst-Fühlens und ihrer Selbst-Schau der Dinge, ihr Licht der Wahrheit und ihre überwältigende automatische Gewissheit.“

Die Intuition, wie sie vorerst erschlossen ist, braucht nach Aurobindo aber noch eine Erweiterung: übergeordnete Intuitionen, um die zunächst auftretenden vielen einzelnen Intuitionen in einen umfassenden Zusammenhang zu bringen; und eine Ausdehnung ihrer reinigenden Wirksamkeit nach unten. Sie kann dann emporheben „und verwandelt in die eigene Substanz nicht nur das Mental des Denkens, sondern auch Herz, Leben, die Sinne und das physische Bewusstsein: Sie alle haben schon ihre intuitiven Kräfte, die aus dem verborgenen Licht abgeleitet sind. Die von oben herabkommende reinere Macht kann sie sämtlich in sich aufnehmen und jene tieferen Auffassungen des Herzens und Lebens und den Ahnungen des Körpers eine höhere Vollständigkeit und Vollkommenheit verleihen.“ Und doch stößt sie an Grenzen. Denn: „Die Basis des Unbewussten in unserer Natur ist zu riesig, zu tief und zu fest, als dass sie völlig durchdrungen, in Licht umgewandelt und durch eine niedere Macht der Wahrheits-Natur (welche selbst die Intuition noch ist) transformiert werden könnte.“

Der nächste Schritt des Aufstiegs bringt uns zum Übermental. Die Wandlung der Intuition kann nur Einführung zu dieser höheren spirituellen Eröffnung sein. Wir haben aber gesehen, dass das Übermental, auch wenn es selektiv und in seinem Wirken nicht total ist, dennoch eine Macht des kosmischen Bewusstseins, ein Prinzip globalen Wissens ist, das ein delegiertes Licht aus der supramentalen Gnosis in sich trägt. Darum ist es nur dann möglich, dass wir in das Übermental aufsteigen und dieses zu uns herabkommt, wenn wir uns in das kosmische Bewusstsein ausweiten. Es genügt nicht, wenn sich der Einzelne intensiv nach diesen Höhen hin öffnet. Zum vertikalen Aufstieg zu den Gipfeln des Lichts muss eine umfassende horizontale Ausdehnung des Bewusstseins in die Totalität des Geistes hinzukommen. Zumindest muss das innere Wesen durch seine tiefere und weitere Bewusstheit bereits das vordergründige Mental und seinen begrenzten Horizont ersetzt haben. Es muss gelernt haben, in einer weiten Universalität zu leben.“

Was die Umwandlung der vorangegangenen Mental-Verfassungen ausmacht, beschreibt Aurobindo noch genauer: „Es kann viele Formulierungen des Übermental-Bewusstseins und seiner Erfahrung geben. Denn das Übermental ist ungemein formbar und ein Feld vielfacher Möglichkeiten. Anstelle des Empfindens, dass es sich ohne ein Zentrum und ohne Raumgebundenheit verstreut, können wir das Universum in uns selbst und als uns selbst erfahren. Aber auch hier ist das Selbst nicht das Ich (Ego). Es ist die Ausdehnung eines freien und rein wesenhaften Selbst-Bewusstseins. Oder es ist eine Identifizierung mit dem All. Diese Ausdehnung oder Identifizierung konstituiert ein kosmisches Wesen, ein universales Individuum. In dem einen Zustand des kosmischen Bewusstseins gibt es das Individuum, das in den Kosmos eingeschlossen ist, sich aber mit allem im Kosmos, mit den Dingen und Wesen, mit Denken und Empfinden, Freude und Kummer der Anderen identifiziert. Im anderen Zustand schließen wir die Wesen in uns selbst und ihr Leben als einen Teil unseres eigenen Wesens ein.“ Trotzdem mögen noch egozentrische Regungen andauern, vermerkt Aurobindo, die nun aber nur noch als Nebenströmungen oder wie ein Wellenkräuseln in den kosmischen Weiten auftreten. Der Körper bleibt bei diesem Erleben ein kleiner Stützpunkt oder noch weniger: ein Beziehungspunkt für eine ungeheure kosmische Instrumentalisierung – aus der heraus er dann aber einen neuen Wert erhält.

Die Umwandlung zum Übermental ist die letzte, alles Bisherige überhöhende Bewegung der dynamischen spirituellen Transformation. Es ist die höchst-mögliche statisch-dynamische Stufe des Geistes auf der spirituellen Mental-Ebene. Das Übermental nimmt den ganzen Inhalt der drei Stufen unter sich empor und erhebt ihre charakteristischen Wirkweisen zu ihrer höchsten und weitesten Macht. Es verleit ihnen dazu noch universale Ausdehnung von Bewusstsein und Kraft, harmonischen Zusammenklang von Wissen und vielfältigere Freude des Wesens. Gewisse Gründe, die in dem für es charakteristischen Zustand und seiner Macht liegen, verhindern aber, dass es die endgültige Möglichkeit der spirituellen Evolution ist. Es ist eine, wenn auch die höchste, Macht der niederen Hemisphäre.“

Aurobindos Angaben über das Supramentale sind von seinen Ausblicken als Übermental gewonnen, durch die er anfänglich mit dem supramentalen Göttlichen in Berührung kam. Er beschreibt es im Band 1 seines Werkes „Das göttliche Leben“ als nicht nur transzendent zum Ich, sondern auch zum Kosmos: das gewaltige Universum scheint ihm gegenüber nur noch wie ein winziges Bild vor einem unermesslichen Hintergrund dazustehen. Im Band 2 dieses Werkes fährt er gewissermaßen fort, wenn er zu dem Entwicklungsprozess dieses Universums mit allen seinen Wesen Richtung Gnosis schreibt:
Auf jeder Stufe des Prozesses soll sich eine größere Macht und ein höherer Grad von Gnosis etablieren, die immer weniger mit der lockeren, verstreuten, vermindernden und verdünnenden Substanz des Mentals vermischt ist.
Alle Gnosis ist aber in ihrem Ursprung eine Macht des Supramentals. Das würde also bedeuten, dass ein halb verhülltes und mittelbares supramentales Licht mit seiner Macht immer stärker in die Natur einströmt. Das soll fortdauern, bis der Punkt erreicht ist, da das Übermental selbst anfängt, in das Supramental verwandelt zu werden. Nun könnten das Bewusstsein und die Kraft des Supramentals selbst die Transformation übernehmen. Sie würden dem irdischen Mental, Leben und körperlichen Wesen ihre spirituelle Wahrheit und Göttlichkeit enthüllen und schließlich in die ganze Natur das vollkommene Wissen, die Kraft und den Sinn supramentalen Seins einströmen lassen. So würde die Seele die Grenzen der Unwissenheit überschreiten und die Linie des ursprünglichen Aufbruchs aus dem höchsten Wissen kreuzen. Sie würde in die Vollständigkeit der supramentalen Gnosis eintreten. Die Herabkunft des gnostischen Lichtes würde die vollständige Umwandlung der Unwissenheit bewirken.
Erst dann kann die angestrebte Transformation ihre volle Erfüllung finden: als Basis für neue Entwicklungen, so Aurobindo, wie er einmal Mahatma Gandhi auf dessen Frage nach dem Weg zu einer von ihm angenommenen absoluten Verwirklichung mitteilen ließ.

Ab 1926 übernahm Mirra Alfassa (1878 – 1973), Aurobindos spirituelle Partnerin, die Organisation seines Ashrams und wurde von 1950 an bis zu ihrem Tod auch die leitende Ratgeberin für den Integralen Yoga. Ohne sie wäre Aurobindos Arbeitsrückzug nicht möglich gewesen.


Anmerkungen aus meiner anthroposophischen Sicht


Was für eine Biographie! Man mag auf meine eher spärlichen Informationen zu Aurobindos äußeren Lebenslauf verweisen, doch meine Darstellung seiner spirituellen Schulung und besonders seine ausführlich zitierten Selbstzeugnisse zum Integralen Yoga enthalten viel von seiner inneren Entwicklung, die auch nach 1926 immer mit dem äußeren Leben verbunden blieb: während des 2.Weltkrieges zum Beispiel nahm er okkult am Kampf gegen den Nationalsozialismus teil, in den er Deutschland gefallen sah, weil die Mehrheit seiner Bevölkerung die Doppelgängerprobe ihres Volkes nicht bestanden hatte. Mit einem Blick auf die ganz anderen Möglichkeiten der deutschen Kultur wusste Aurobindo, dass dies vermeidbar gewesen wäre. Seine Parteinahme enthält zwar ein Votum für die Demokratie, weil sie individuelle Spielräume bietet, doch seine Vorstellungen von einer Gesellschaftsordnung überschreiten weit das von den West-Alliierten Gebotene. Hier ist mir aber vor allem wichtig: sein Integraler Yoga ist nicht von seiner Biographie zu trennen und er schloss für ihn keine politische Tätigkeit aus, die Aurobindo – inzwischen weit über seinen indischen Patriotismus zu einem Weltgeist hinausgewachsen – gegebenenfalls mit übersinnlichen Mitteln fortsetzte.

Doch viel intimer als anhand äußerer Ereignisse lässt sich aus Aurobindos Darstellung der Bewusstseinsstufen etwas von seinem geistigen Ringen nachvollziehen, was ich als eine Anregung des anthroposophischen Schulungsweges hier gerne unternommen habe. Diese Anregung zielt zunächst auf ein Verstehen. In was für einer Spanne von Heroismus und tiefer Demut spielte sich sein Streben ab: kühn alle Grenzen überschreitend, die für zahlreiche Menschen geradezu Tabus sind, wenn er es für geboten hielt, um andererseits wahrhaft zu Gott aufzublicken! Nur mit Heroismus hätte es Aurobindo wie Nietzsche mit seinem Fall in ein Machtmenschentum ergehen können, doch seine Vision vom Übermenschen schloss ein hoch entwickeltes Verständnis, Mitfühlen und Freilassen ein. Bei der Beurteilung Aurobindos bitte ich Anthroposophen sich daran zu erinnern, wie viel Positives Rudolf Steiner aus Nietzsches Zarathustra gedeutet hat. Aus Aurobindos Auseinandersetzungen kann ich viel leichter als aus denen von Nietzsche viele unmittelbare Bezüge zu den Stufen des anthroposophischen Schulungsweges herstellen, bis hinauf zur Arbeit auf der Ebene des (anthroposophisch formuliert) Geistmenschen, auf der es neben der Entwicklung der Intuition ganz ähnlich wie bei Aurobindo zum anderen Pol hin um Umwandlungen bis in den physischen Leib geht. Aurobindos zum Teil recht konkrete Schilderungen machen mir etwas von einer Seinsweise deutlich, die für die meisten Menschen noch in ferner Zukunft liegt. Was er mit vielen und keineswegs immer gelösten Problemstellungen vorweggenommen hat, erwuchs aus seiner Biographie: bei aller Beispielhaftigkeit unverwechselbar – und ist so gesehen auch im anthroposophischen Sinne ein moderner Einweihungsweg.

Moderne Einweihungen sind eben Individuationswege, auf ihnen wird geschätzt, was man sich erringt, fort- und immer weiter fortgesetzt, wodurch etwas Neues aus einem selbst und der Welt entsteht, in der ein Evolutionsprozess stattfindet, der als Sinn auf Selbst- und Weltüberschreitung zielt. Auch als Anthroposoph kann ich sagen: Warum sonst sollte er in Gang gesetzt worden sein! Im Zeichen des Selbst-Bewusstseins, des Wissens um sich einschließlich der Möglichkeit der Vergegenwärtigung jeder Erkenntnisbildung, hängt für uns Menschen die Entwicklung immer stärker von unserer Initiative ab: auch wenn wir, wie Aurobindo, um göttliche Entwicklungshilfen bitten.

Durch die Konstitution der Selbstvergegenwärtigung durchschauen wir ja (potenziell) unsere Motive und können (oder könnten) unsere Verantwortung und Handlungen bewusst selber schaffen, was von außen etwa durch offene Gesellschaftsformen, aber auch durch spirituelle Schulungsmethoden gefördert werden sollte, was ich durch den Integralen Yoga bei aller fördernden Höhe noch nicht voll erfüllt sehe. Gerade vom Gesichtspunkt der Selbstvergegenwärtigung finde ich einen mir wichtigen Unterschied zu Aurobindos Haltung, weil ich sie – ganz Anthroposoph – bedeutsamer als er einschätze. Während Aurobindo die Öffnung zu einer göttlichen Transzendenz für unerlässlich hielt, halte ich sie uns (keimhaft) bereits immanent. Oder (sinngemäß) mit dem frühen Rudolf Steiner ausgedrückt: Die höchste Gottesidee ist immer noch, dass sich die Gottheit in ihre Geschöpfe ganz ausgegossen hat, um so deren Evolution von innen zu lenken, die sie aber ab deren Erwachen zu einem Selbst-Bewusstsein im oben angedeuteten Sinne den Erwachten selbst überlässt, denn nun haben diese Geschöpfe ja ihre Göttlichkeit entdeckt und können sie frei betätigen.

Bei uns Menschen wird die Göttlichkeit dabei menschlich und mit ihr unser Evolutionsprozess. Aurobindo meinte hingegen: „Die Evolution ist Gottes Plan mit der Menschheit. Wer im Yoga der Evolution dient, dient Gott. Nicht nach unserer eigenen Manifestation haben wir zu streben, nach der Manifestation des individuellen Egos, befreit von allen Schranken und Banden, sondern nach der Manifestation Gottes. Unsere eigene spirituelle Befreiung, Vollendung und Fülle wird Frucht und Teil jener sein, aber nicht in irgendeinem ich-(bzw. ego-)zentrierten oder sich selbst suchenden Zweck.“ (5)
Doch so wie der spätere Rudolf Steiner aus seiner übersinnlichen Forschung auf notwendige göttliche Evolutionshilfen von außen hinwies, besonders durch den Christus, durch welche die Rahmenbedingungen für die göttlich gewollte (natürlich nicht egoistische) eigenmenschliche Entwicklung schon bereitgestellt werden, gibt es bei Aurobindo auch viele Hinweise auf den Wert der menschlichen Selbstentfaltung, die sogar die über- und supramentale Welt verändert und bereichert. Jeder gerade zum Über- oder Supramental Erwachte ist bei aller Einheit mit dem Kosmos oder sogar Überkosmos neu und weiterhin einmalig.

Die Nähe von Aurobindos Bewusstseinsstufen zu denen bei Rudolf Steiner ist auffällig. Zu Aurobindos erster Stufe fiel mir sofort Rudolf Steiners Meditationsthema „Denkend empfinde
ich mich eins mit dem Strom des Weltgeschehens“ ein. Auch Rudolf Steiner wies darauf hin, dass wir in meditativen Verfassungen keineswegs nur selber denken, sondern zugleich Weltgedanken aus höheren Regionen empfangen. Durch das bei der anthroposophischen Meditation vorangegangene oder gleichzeitige eigene meditative Denken hat man sich jedoch in eine geistige Ich-Präsenz versetzt, dank der man in alle höheren Stufen aufsteigen, sich souverän in ihnen bewegen und ihre Früchte hinunter tragen kann. Hier liegt meines Erachtens die Wurzel zu der von Aurobindo verschiedenen Evolutionsauffassung.

Und doch kann man auch beim anthroposophischen Meditieren ein Emporgehobenwerden erleben, das durch ein Niedersenken von höheren Mächten zustande kommt, für die man sich vorher geöffnet hatte. Beim Integralen Yoga liegt die Betonung ja umgekehrt, aber ohne eine innere Stärke lassen sich bei ihm die Bewusstseinsstufen natürlich ebenso wenig gesund durchleben. In Aurobindos zweiter und dritter Stufe sind sofort die Imagination, Inspiration und Intuition im anthroposophischen Sinne zu erkennen, wobei die Inspiration allerdings nicht gesondert dargestellt wird, sondern nur als spontanes Verstehen von Imaginationen auftritt. Und wie Aurobindo wusste Rudolf Steiner von noch höheren Sphären, die er als übergeistig bezeichnete: die Welt der Vorsehung, die natürliche Heimat der Bodhisattvas, aus der die niederen übersinnlichen Welten bis hinab zum physischen Erdenplan ihre Leitimpulse erhalten, die jedoch letztlich auf die raum- und zeitlose Gotteswelt zurückgehen, zu er das Nirvana (6) bzw. den Heiligen Geist zusammen mit dem schöpferischen Logos oder Wort („Sohn“) und dem Urgott („Vater“) zählte.

Die Frage, die sich vom anthroposophischen Standpunkt hier und schon lange aufdrängt, ist die nach Aurobindos Christus-Verständnis. Denn warum lag ihm soviel an der Herabkunft des Supramentalen, wenn der große Transformator seit dem Mysterium von Golgatha auf Erden schon am Wirken ist? Die Antwort ist einfach: Aurobindo hatte keine besondere Christus- Beziehung. Er vermutete für den Christus, der sich nach ihm „als der Sohn, der eins mit dem Vater ist“ verwirklichte, eine Teilinkarnation (7), die wie das Wirken anderer führender Spiritueller trotz ihrer unbezweifelbaren Größe nicht zu dem wünschenswerten Erfolg geführt hat. In der Gesinnung von Aurobindos Evolutionsauffassung: in seiner Liebe und Hinwendung zu allem Leben und in seiner Arbeit an der Transformation der Erde mit allen ihr verbundenen Wesen sehe ich jedoch viel vom Christus-Impuls mitschwingen.


Quellen und eine Anmerkung

1 Sri Aurobindo, Monographie von Otto Wolf, Rowohlt – S. 35
2 ebd. – S. 36
3 Zitiert aus Das Weltbild der Yoga-Meister, Peter Michel, Aquamarin-Verlag – S. 160
4 Sri Aurobindo, Monographie von Otto Wolf, Rowohlt – S. 7
5 ebd. - S. 99
6 Das Nirvana sollte nicht mit der beim Meditieren hergestellten Bewusstseinsleere
verwechselt werden, die für das Empfangen von Eindrücken so wichtig ist.
7 Briefe 2 von Sri Aurobindo, zitiert aus Das Weltbild der Yoga-Meister, Peter Michel,
Aquamarin-Verlag – S. 262
Das Kompendium „Alles Leben ist Yoga“ ist im Otto Wilhelm Barth Verlag erschienen, „Das göttliche Leben“ von Sri Aurobindo im Verlag Hinder+Deelmann.



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Egoistisch am meisten gelesen: