Bernhard Albrecht Hartmann: Einige Anmerkungen zu Thomas Nagel: “Der Blick von Nirgendwo"

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel veröffentlichte eine seiner wissenschaftlichen Arbeiten unter dem Titel: "Der Blick von Nirgendwo." Versuche ich mich dieser Aussage anzunähern, so werde ich sogleich vor ein Dilemma gestellt. Ist es möglich von Nirgendwo auf ein Etwas zu blicken? Der vermeintlich gesunde Menschenverstand wird auf ein derartiges Ansinnen antworten, dass dies nicht möglich sei und zwar mit der bündigen Bemerkung, ich weiss doch wo ich stehe, wenn ich auf ein Etwas blicke und tue dies nicht aus einem Nirgendwo heraus. Welcher Widersinn also von einem Nirgendwo aus etwas sehen zu wollen.
Und doch unternimmt Thomas Nagel mit höchst differenzierten Argumenten den Versuch dieses Nirgendwo ausfindig zu machen. Oder: Schiebt er dieses Nirgendwo etwa, indem er sich unter verschiedenen Perspektiven immer wieder um die Begriffe objektiv und subjektiv herum bewegt, um den Geltungszusammenhang, bzw. ihre Bedeutung jeweils voneinander abzugrenzen, durch viele Ungewissheiten letztlich nur vor sich her? Aus der Sichtweise des gesunden Menschenverstandes heraus betrachtet, bewegt er sich damit allerdings in abstrakten Räumen und nicht in jener landläufig gleichsam wie selbstverständlich beanspruchten praktischen Lebensnähe des Grossteil der Menschen.
So wie aber der "Blick von Nirgendwo," den Thomas Nagel in einer Art Leitgedanken seinen Überlegungen voranstellt, als reale Möglichkeit in Frage gestellt werden kann, so kann ich auch das, was der gesunde Menschenverstand als "praktische Lebensnähe" für sich beansprucht, in Frage stellen. Welche Art "Leben" beinhaltet diese sogenannte praktische Lebensnähe eigentlich in der Essenz?
Für mich stellt sich daran anknüpfend nämlich die weitere Frage: Gäbe es unter den Menschen ein oft so beklemmendes Jagen nach immer noch mehr materiellem Wohlstand, wenn im allgemeinen Bewusstsein ein tiefer gegründetes Verständnis von dem vorhanden wäre, was Leben ist? Und darin eingeschlossen: Haben wir etwa die Erfahrung von dem was Leben seiner Essenz nach ist im Zuge des Dualismus unmerklich irgendwie im Nirgendwo verloren? Trifft Thomas Nagel mit seiner Grundfrage also doch den Nerv der Zeit? Schickt er uns mit seinem "Blick von Nirgendwo" etwa gar auf eine existentiell an die Wurzel reichende Reise einer inneren Umkehr allen unseren Verstehens?
Thomas Nagel geht es in seinem unnachgiebigen Fragen um eine engagiert kritische Unmittelbarkeit und damit um die innere Lebensnähe in Bezug auf das mit dem er fragenden Umgang pflegt. Er untersucht mit prüfendem Auge wissenschaftliche Positionen, die genauer besehen nicht weniger Einfluss auf das Leben haben, wie irgendwelche Belange des praktischen Alltags.
Er warnt vor einem Überschätzen, bzw. Unterschätzen der Begriffe subjektiv und objektiv und ihres Bedeuten im Verwenden derselben. Er bewegt sich virulent durch verschiedene wissenschaftlich perspektivische Anschauungsweisen hindurch. Er geht nahe und in meinen Augen sehr mutig an Grenzen heran, die sich allenthalben zwischen den Zeilen zeigen, wo er seine Anschauung in Bezug auf Probleme der Verwendung dieser Begriffe aufzuweisen sucht.
Was er aber nicht tut ist, jenseits der Abstraktion die Quelle einer im Denken möglicherweise vorhandenen Kraft beobachtend zu erschliessen, was nach Rudolf Steiner heissen würde in die seelische Beobachtung derselben einzutreten. Er verweist auf nicht wenige Punkte des Nichtwissens im wissenschaftlichen Diskurs um eine Klärung des Wirkzusammenhanges der Begriffe subjektiv und objektiv. Er spricht sein eigenes Nichtwissen im echt sokratischen Sinne an, hält sich aber bedeckt in einem abstrakten Frage-Verständnis, also in einem letztlich allein inhaltsbezogenen Begreifen von Wirklichkeitsbezügen.

Diesen abstrakten Verständigungsraum zu durchbrechen, in inneren Kraftbewegungen das Erfahren von Freiheitsprozessen zu erschliessen, das ist in meinen Augen das zutiefst innere Anliegen Rudolf Steiners in seinem Voranschreiten auf seinem monistisch ausgerichteten Weg in der und durch die Philosophie der Freiheit. Nach heutigem Verständnis wäre das der Weg der Überwindung des Dualismus aus dem langsam wachsenden Erfahren des Nondualen im Denken (des Elements des Ursprungs im Denken(1)). Die Möglichkeit zum inneren prozesshaften Erfahren des Nondualen setzt jedoch, wie Thomas Nagel aufzeigt, die Auseinandersetzung mit den Sperrriegeln eigener Vorstellungsbildungen in Bezug auf das was Wirklichkeit vermeintlich ist notwendig voraus.
"Der Blick von Nirgendwo."
Wenn auch der gesunde Menschenverstand die Möglichkeit eines "Blick von Nirgendwo" als in sich widersinnig betrachtet, so frage ich dennoch, ist er das wirklich? Beobachten wir Kinder, vornehmlich in ihrem ersten Lebensjahr, so können wir durchaus immer wieder von einem leisen Erfahren wie berührt werden, dass diese noch gar nicht über einen in sich fest verankerten Blick verfügen, wenn sie auf ihre je eigene Weise in die Welt hinaus schauen. Sie erwecken den Eindruck, als ob sie in ihrem Welt-Begegnen, ihrem Wahrnehmen sich in einem gleichsam flüssigen Medium bewegten, ohne feste Haltepunkte. Erinnert das nicht an Heraklit, nach dessen Aussage es nicht möglich ist zweimal in den gleichen Fluss zu steigen? Kinder sind in diesem Alter im Fluss, sie besteigen ihn nicht immer wieder neu, sie leben fortlaufend in der Unmittelbarkeit des Augenblicks. Der Erwachsene hingegen scheint zunächst weit davon entfernt zu sein sich so fliessend(2) zwischen den Dingen, die er zu ergründen sucht, bewegen zu können. Von überall her strecken sich ihm Haltestangen eines Vor-Verstehens entgegen, auch wenn er die Zusammenhänge diesbezüglich zunächst nicht zu durchschauen weiss. Es ist dies die Folge seiner Erziehung und Bildung zu einem dualen Wirklichkeitsverständnis.
"Der Blick von Nirgendwo" - in einer über Thomas Nagel hinaus gehenden Weise -, als einer nondual dynamischen Ich-Präsenz kann sich aus meiner Sicht einem Menschen dann  eröffnen, wenn er beherzigt, was Rudolf Steiner mit dem Bild der Feuerprobe in seinem Buch: "Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten" anspricht. Sagt er dort doch eindringlich, dass alle Vorstellungen von Menschen, die Geist-Berührung zu erfahren sich anschicken, verbrannt werden müssen. Und das was damit bewirkt werden kann, das hat in seinen Augen offenbar eine so weitreichende Bedeutung, dass er gegen Ende seines Lebens darauf noch einmal in gesteigerter Form zurückkommt. Angesichts der Neubegründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft spricht er nämlich in einer Weise über den neu zu bildenden Grundstock dieser Gesellschaft, der eine innere Umkehr menschlicher Haltungen in vieler Hinsicht mehr als nahe legt. Der Modus, "die subjektive Perspektive einer einzelnen und besonderen Person in der Welt" zu vermitteln "mit einer objektiven Auffassung von eben dieser Welt"(2) und diesem Menschen wird zur beständigen Herausforderung eines zu lebenden Respekts. Der andere Mensch ist nicht das, was ich subjektiv über ihn denke. Prüfe ich meine Haltung hier nicht fortlaufend, beginnt Karma zu walten. Wenn sich ein gegenwartsfähiger Grundstock einer solchen Gesellschaft also bilden will, dann wohl nur über ein sich Befähigen Vorstellungen zu verbrennen und der Bereitschaft in einer dynamischen Beziehung des Herzens über Klüfte hinweg auf Mitmensch und Welt in stetig zu erneuerndem Interesse zuzugehen.
Nehme ich die leise Aufforderung Rudolf Steiners an Menschen, die gewillt sind seinen Worten zu lauschen, wirklich ernst, dass Anthroposophie nur Leben zeugen könne, wenn ich in mir fortlaufend neu den Mut entfache in und um mich herum alle von mir fort und fort aufrecht erhaltenen Vorstellungen über mich, den anderen Menschen und die Welt immer wieder neu in Brand zu stecken. Es bedeutet also einen Gang über und durch allenthalben einstürzendes Gebälk vielfältig überalterter Vorstellungsfestlegungen bzw. der eigenen Selbstillusion. Eines wird bei einem derartigen Unterfangen allerdings nicht geschehen, auch wenn es noch so sehr um mich und durch mich hindurch immer wieder neu aufflammend brennen wird, ich selbst verbrenne dabei nicht. Vielmehr kann ich erfahren, wie der "Blick von Nirgendwo" als dynamische Krafterfahrung eigener Ich-Gegenwärtigkeit sich in mir mehr und mehr verdichtet(3). Ich werde zu einem Neuland-Wanderer aus der "Kraftgestalt" eines in mir aktiv in innerer Willensumkehr erneuerten Denkens.

Mit dem von mir damit eingeführten Begriff der Kraftgestalt beziehe ich mich, so der Leser sich auf eine derartige innere Auseinandersetzung einlassen will, auf hochkomplexe individuell zu machende Erfahrungsabläufe, die im Rahmen dieses Beitrags angesichts ihrer weit reichenden Problem-Vernetzungen nicht einmal annäherungsweise erörtert werden können. So beschränke ich mich also auf ein Weniges unter vielfältig möglichen Ausgangspunkten auf diese Kraftgestalt hin. Aus einer vertieften Sicht von Descartes her betrachtet denke ich erst, insoweit ich mich dabei auf mich zu bewege und bisher mich tragende Vorstellungskonstrukte aufzulösen bereit bin. Ich entfalte mich also über ein in der Vergangenheit erschlossenes inneres Bild meines Selbst hinaus. Ich bin Ich, insoweit ich dabei Neulande betrete. Dass dies möglich sein könnte, genau damit komme ich aber an eine Hürde, die zu überspringen nach Thomas Nagel scheinbar nicht möglich ist. Er benennt das Problem so: ... dass "... unsere unmittelbare subjektive Auffassungsweise dieses Gegenstandes (unser Selbst) im jeweils eigenen Fall immer schon alles enthält, was ihm mit Notwendigkeit zukommt - wenn wir es nur aus ihr entfalten könnten. Es stellt sich dann aber heraus, dass es hier nichts zu entfalten gibt, noch nicht einmal eine Cartesianische Seele."(4) Ich merke hierzu nur an: Kann das Ich gegenständlich gedacht werden? Kommt dies,  trete ich von innen dynamisch an den Rand dieser Aussage heran, nicht einem nur "abstrakten Blick" auf das Nichts gleich? Kann angesichts der heutigen Weltverhältnisse aber vor dem Nichts noch länger stehen geblieben werden, zumal die Aussage: "Der Blick von Nirgendwo," wie mir scheint, einen Gang durch das Nichts beinhaltet? Stete Vorstellungsauflösung und nachfolgende Neukonstituierung in einem inneren Fliessgeschehen? Gewiss ein mühevoller Weg zu einem dynamischen Welt-Anschauen zu gelangen, für die heutige Kulturlandschaft in meinen Augen aber ein notwendig zu beschreitender Weg.
Thomas Nagel sagt diesbezüglich: "Könnte man aufklären in welcher Beziehung die interne und die externe Perspektive" (die subjektseitig, bzw. objektseitig Perspektive in der Vorstellungsbildung) "zueinander stehen, auf welche Weise jede von ihnen so entwickelt und verändert werden kann, dass sie der anderen Rechnung trägt, und wie beide im Zusammenspiel das Denken und das Wirken jeder einzelnen Person bestimmen können, so käme dies einer Weltanschauung gleich(5)."
Und Rudolf Steiner? Hat er nicht durch seinen auf vielfältige Weise in Ansätzen beschriebenen Freiheitsweg das Tor zu einer solchen Weltanschauung geöffnet? Thomas Nagel klopft stellvertretend für viele Zeitgenossen heute an dieses Tor. Er stellt die Wurzelfragen, die Rudolf Steiner im Vorwort seiner Philosophie der Freiheit benennt, in einer neuen Weise. Ob er Rudolf Steiner gelesen hat ist dabei ohne Belang. Sein unnachgiebiges Erkenntnisstreben führt ihn eigenständig vor dieses Tor.
Die Fragen, die sich mir und vielleicht auch anderen Lesern angesichts dieser Tatsache stellen, sind: Kann es über alle Ängste der Selbstentgrenzung hinweg - das Verharren im Abstrakten -, was keineswegs nur die Wissenschaft betrifft, sondern unerkannt vielleicht(?) auch so manche spirituell ausgerichteten Verhaltensweisen, gelingen den Mut auf Neulande hin wirksam zum Tragen zu bringen? Kann im Verbrennen der jeweils eigenen Vorstellungseinschränkungen der innere Blick auf das hin sich öffnen, was Wirklichkeit in der Geist-Berührung ist? Und können dadurch für ein erneuertes Welt-Anschauen sich die Augen öffnen? Ist es möglich über die Schutthaufen abgelebter Vorstellungen hinweg - in innerer Umkehr(6) - ein tiefer dynamisiertes Denken zu entwickeln, das dem wissenschaftlichem Denken über Abstraktionen hinaus ein Geist-Anschauen nach und nach erschliesst? Und wird im Verbund mit diesem Geschehen ein Anschauen von dem, was Leben in seiner Tiefe sein kann, sich bilden?

Thomas Nagel bezeichnet das mit seinen Worten nüchtern so: "Philosophie (und Wissenschaft?) darf keinesfalls zu ermässigten Ansprüchen ihre Zuflucht nehmen(7)." Sie fusst auf der steten Weiterentwicklung "ihrer eigenen unterentwickelten Fähigkeiten(8)" und was not tut, so ich in der unweigerlichen Kollision einander widerstreitender Perspektiven auf das "Absurde" stosse, "ist der Wille, es mit ihm aufzunehmen(9)," den fremden Vorstellungskonstrukten ins Auge zu schauen und angesichts eigener nicht hinterfragter Vorstellungsgebilde diesen in Projektionen nach aussen hin nicht auszuweichen, um die möglicherweise notwendige innere Umkehr so zu umgehen.

Bernhard Albrecht Hartmann

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(1) siehe: https://www.ich-quelle.blogspot.ch, Archiv, 11.11.2014, "Im Elemente des  Ursprungs "
(2) Seite 11, Abs.1 in: Thomas Nagel, "Der Blick von Nirgendwo," Suhrkamp TB 2012
(3) siehe: https://www.ich-quelle.blogspot.ch, Archiv, 21.04.2015, "Ich"
(4) Seite 64: Kapitel III/2, Das Ich als privater Gegenstand in: Thomas Nagel, dito
(5) Seite 11, Abs. 3, Vorrede in: Thomas Nagel, dito
(6) siehe: https://www.ich-quelle.blogspot.ch Archiv, 20.07.2015, "Von der inneren Umkehr"
(7) Seite 22, Absatz 27, Vorrede in: Thomas Nagel, dito
(8) Seite 23, Absatz 28 dito
(9) Seite 24, Absatz 29 dito

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