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Donnerstag, 15. Mai 2014

Roman Boos, der Liebling Marie Steiners

Wie schon in einer ersten Büchenbacher- Besprechung bei den Egoisten geschrieben, ergibt die Sammlung von Aufsätzen, Erinnerungen, Materialien und Kommentaren Ansgar Martins ein Füllhorn von biografischen Details der handelnden Personen der Anthroposophischen Gesellschaft der 30- 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Wenn man etwas mehr bezüglich der schweren internen Auseinandersetzungen und seltsamen, auch pronazistischen Positionierungen gewisser Fraktionen erfahren möchte, ist insbesondere die Person Roman Boos und dessen Beziehung zu Rudolf Steiners Witwe Marie Steiner- von Sivers eine Betrachtung wert. Boos war früh der Anthroposophischen Gesellschaft beigetreten, verschwand immer wieder für Jahre in der Versenkung, trat dann aber plötzlich agitierend und zentral ins Zentrum des Geschehens in Dornach. In den Jahren 1933/34 wurde er „zu einem der einflussreichsten Meinungsmacher in der anthroposophischen Szene“ (S. 95) an der Seite Marie Steiners, agitierte aber auch gegen Wegman, Tomberg und später gegen Steffen.

Seine erste aktive Phase hatte Boos 1920 als Vorsitzender der Schweizer Anthroposophischen Landesgesellschaft- bereits zu dieser Zeit galt er laut Christoph Lindenberg „als Mittelpunkt der Aktivitäten in Dornach“ (S. 252). Schon damals ging er agitierend gegen Ita Wegman vor. 1921 verschwand er wieder. Steiner soll über ihn gesagt haben, dass er „etwas pathologisch“ sei- das Auf und Ab seiner Aktivitäten und die Aggressivität seiner Kampagnen waren offensichtlich Auswirkungen einer Zyklothymie, einer manisch-depressiven Erkrankung. Rudolf Steiner soll Wegman gewarnt haben, es werde Boos „sehr schwer sein, sich wieder in die Gesellschaft zu finden“. Dem war aber nicht so. Direkt nach Steiners Tod, 1926, tauchte Boos wieder auf der Dornacher Generalversammlung auf und griff Wegman dabei auf beispiellos hasserfüllte Art und Weise an. Aber er artikulierte sich jetzt auch politisch, vor allem in Bezug auf das „Deutschtum“. Er verbreitete deutschnationale Parolen und lobte 1927 Mussolini. 1933 bot er Marie Steiner- von Sivers an, gegen die „schamlosen Verleumdungen“ (S. 254) Rudolf Steiners in Deutschland vorzugehen. Während Steffen sich bedeckt hielt und skeptisch war, gab ihm Marie Steiner offenbar grünes Licht. Boos schrieb unter anderem an Goebbels mit der „ergebenen Bitte“ (S. 263), die nationalsozialistischen Angriffe gegen Rudolf Steiner zu beenden, da Steiner "ein wahrer Deutscher“ gewesen sei, und agitierte im Einklang mit den nationalsozialistischen Akteuren als einer „der vom deutschen Geist Berührten“ (S. 268). Auch Marie Steiner-von Sivers sah die Quelle der Gegner, die Steiners „Höher-Stehen als andere Menschen“ (S. 269) nicht erkannten, keinesfalls bei den Nazis, sondern in der „jüdischen Linkspresse“ (S. 269), die von Dämonen beherrscht sei. Damit - und in der Gegnerschaft gegen Wegman- war sie auf einer ideologischen Linie mit Boos. So kämpfte Boos immer stärker auf nationalsozialistischer Position gegen den „ökonomischen Geist .. in seiner liberalistisch- kapitalistischen und in seiner marxistisch- kommunistischen Gestalt“ (S. 272). In seiner anti- amerikanischen und dezidiert teutonischen Haltung nahm er Hitler Expansionspläne vorweg und konstatierte die „Enge eines zu knappen Lebensraumes“ (S. 272). Steiner wurde reduziert auf Einen, der gewaltig für die deutschen Interessen eingetreten sei, das Goetheanum zu einem Ort „zu dem man auch aus Deutschland immer mehr aufblickt!“ (S. 276) In diesem Sinne organisierte Boos in manischer Aktivität und mit Zustimmung von Marie Steiner Tagungen aller Art- auch im Namen des Erzengels Michael.

1933 schrieb auch Marie Steiner an Hess, um einen „Ariernachweis“ für Rudolf Steiner anfertigen (S. 280) zu lassen. Wachsmuth war zufrieden, dass die italienischen Faschisten die Anthroposophische Gesellschaft offiziell genehmigt hätten. Wachsmuth, Steiner- von Sivers und Boos versuchten also, die Gesellschaft völlig kompatibel mit dem Faschismus Europas umzugestalten- nicht nur aus strategischem Kalkül, sondern aus Überzeugung. Nach wie vor versicherte Marie Steiner- von Sivers, die Feinde Steiners seien „Juden, Jesuiten, Freimaurer und einzelne militärische Kreise“ (S. 281). Wegman, Vreede und (eher zurückhaltend, aber innerlich überzeugt) Steffen hielten dagegen. Nach Ludwig Polzer- Hoditz ging Roman Boos in seinen (erfolgreichen) Versuchen, Ita Wegman kalt zu stellen, so weit, bei dieser einzubrechen, um Dokumente zu stehlen (S. 284). Er ging hemmungslos agitierend gegen sie vor und bezeichnete sie und ihre Anhänger als „Carcinom der Anthroposophischen Gesellschaft“. Polzer-Hoditz war davon überzeugt, dass der manische Boos vom Vorstand als „Sturmbock“ in den Auseinandersetzungen benutzt wurde. Diese Hetze übertrug Boos auch auf Valentin Tomberg.

Trotz aller ideologischen Anpassungsversuche an das nationalsozialistische Regime wurde die Anthroposophische Gesellschaft am 16.4. 1934 in Deutschland verboten. Boos forderte aber weiterhin, als „Gesetz“ zu betrachten, „Hitler Gefolgschaft zu leisten“ (S. 297). Dann kippte die Manie offensichtlich wieder um, denn Boos verschwand ab 1935 für mehrere Jahre. Ab 1940 tauchte er dann zum dritten Mal in ungehemmter Wut auf- diesmal „gegen Herrn Steffen und diejenigen … die für ihn eintraten“ (S. 301).

Marie Steiner- von Sivers hat Roman Boos offensichtlich als ihr Kampfmittel in ihren andauernden internen Fehden benutzt. Inwieweit sie selbst tatsächlich nationalsozialistisch dachte - oder ob sie nicht vielmehr in einem wirren „verschwörungstheoretischen Gestus“ (S. 307) alle möglichen „Gegner“ in Juden, Freimaurern, Amerikanern, Jesuiten, Linken und Anhängern von Wegman und Steffen vermutete, bleibt offen. Ebenso ungeklärt bleibt, ob Boos Marie Steiner- von Sivers, wie Büchenbacher annahm, „pronazistisch“ (S. 95) beeinflusst hat. Jedenfalls hat sie sein pathologisches, hoch aggressives Treiben nie auch nur im Ansatz gestoppt, sondern hat ihn für ihre Zwecke benutzt. Dass nicht nur der in mancher Hinsicht schlechte Ruf der Anthroposophischen Gesellschaft, sondern auch ihre innere Zerrissenheit auf diese zweifelhaften manipulativen Machenschaften zurück zu führen sind, steht wohl außer Zweifel.

Kommentare:

  1. Das Verbot der Gesellschaft muss 1935 stattgefunden haben.

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    1. Lieber Michel, die Anordnung erfolgte 1934, die Umsetzung der Anordnung 1935.

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    2. Lieber Michel,

      Offensichtlich war das Verbot (11.1.1935 von Heydrich) kein Problem fur die betroffenen deutschen Anthroposophen. Unten zitiere ich aus der Dissertation Peter Staudenmaiers bezüglich der direkten Nachwirkungen des Verbotes. (Kapitel 3)

      Herzlich,

      Tom Mellett

      ----------------------------

      “During the six months following the ban, anthroposophists and their allies succeeded in establishing fairly lenient parameters within which anthroposophical activities could continue in Germany without interference. Some of these successes involved support from unexpected quarters.

      In December 1935 Himmler forbade any action against the biodynamic farmers league. In March 1936 Kerrl voiced forceful opposition to the idea of dissolving the Christian Community, and was backed by the Foreign Ministry and the Interior Ministry. Two weeks later Heydrich ordered the Gestapo to desist from actions against the Christian Community, declaring that it was not to be dissolved, but merely subject to surveillance.

      An important turning point came at a May 1936 meeting of anthroposophist representatives with officials from the SD and the Interior Ministry at Gestapo headquarters, which approved the formation of a new group, the Study Circle for Rudolf Steiner’s Spiritual Science. The anthroposophist spokespeople agreed not to admit Jews or Freemasons to the group, to abjure occultist elements, and to allow Gestapo oversight over their activities.

      In early March 1936 Heydrich tried to have all eurythmy programs shut down, but encountered stiff resistance from the Nazi theater bureau, the Reichstheaterkammer, which interceded repeatedly on behalf of eurythmists, directly challenging the Gestapo.

      By August 1936 the Reichstheaterkammer declared that eurythmy was officially sanctioned, and Heydrich eventually backed down. In 1938 restrictions on anthroposophist publishing were relaxed through the combined efforts of Alfred Baeumler and staff members of the Propaganda Ministry.”

      ======================

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    3. Hoppla! Umgekehrtes Datum! Das Verbot ist den 1. November 1935 von Heydrich umgesetzt worden.

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    4. Doch, das Verbot war sicherlich ein großes Problem, schon weil Organisationsformen, Kommunikation und der Fluss der Gelder unterbrochen waren. Ein hoch intelligenter Geheimdienstmann wie Heydrich meinte, persönlich gegen Eurythmie intervenieren zu müssen- das ist doch eine Ehre. Der SD sah klarer, dass Anthroposophie und Nationalsozialismus inkompatibel sind als manche Vorstände der Anthroposophen- das wiederum ist eine Schande.

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    5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Kurzum: Machenschaften. So war es, SO IST ES NOCH IMMER, so wird es weiterhin sein. Es sein denn........ Hinter diesem "denn" tut sich ein Abgrund auf.

    "Man soll nicht auf das Erkenntnisdrama zugunsten
    einer Erkenntnisgrammatik verzichten wollen; auch
    die Furcht darf davon nicht abhalten, dass man in
    den Abgrund des Individuellen fällt, denn man steigt
    aus diesem Abgrund im Verein mit vielen Geistern
    auf und erlebt sich mit ihnen in Verwandtschaft;
    dadurch wird man aus der geistigen Welt geboren :
    aber man hat den Tod aufgenommen, wird selbst
    Vernichter des Gewordenen, lebt dieses spiritualisiert
    dar und ist anwesend in seiner Vernichtung"

    Aus: Rudolf Steiner, undatierte Notitzbucheintragung

    Die Tragik ist: Auch mit dieser Notitz kann man "machen" was und wie man will.

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    1. Natürlich fragt man sich auch selbst, wie man selbst unter erheblichem Druck und in Gefahr entschieden und sich positioniert hätte. Niemand ist frei von "Machenschaften".

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    2. Das schwierigste daran, sich retrospektive in die damalige Situation hineinzuversetzen ist vermutlich, alles das wegzudenken, was wir heute wissen und an Erfahrungen gemacht haben...

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    3. "Niemand ist frei von Machenschaften". Eben. Daher stellte Steiner seine Notitz daneben. Als ein dazugehöriges Gegengewicht.

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    4. "Das schwierigste daran, sich retrospektive in die damalige Situation hineinzuversetzen ist vermutlich, alles das wegzudenken, was wir heute wissen und an Erfahrungen gemacht haben..."

      Ja. Und genau dieses Wegdenken kann dazu beitragen, als ein erster Schritt, aus der Erkenntnisgrammatik hinauszutreten.

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    5. Genau das springende "Loch", um das es geht, in der Erkenntnis-Grammatik ein erschaffenes Gerüst zu sehen (um nicht Krücke zu sagen, sorry ..) das, einmal errichtet, permanent modifiziert, variiert und vor allem interpretiert werden muss.

      Und wer interpretiert?

      Da darf man dann nicht einfach nur bange sein, will man sich diese Frage wirklich beantworten. Oder Sicherheit gar, was ist das?

      Rufe ich in den dunklen Abgrund - "Verlässlichkeit" - hinein, um zu testen oder zu erfahren was geschieht, kommt als ein Echo die Antwort zurück - "Erfahrung" - und ich könnte mich dann fragen, wieso dieses "Echo" hat denken können, denn ich bekam ja eine Antwort auf meine Frage --- ?

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